Arizona

Lies’ die Geschichte auf deinem E-reader: Arizona

Es war eine mondhelle Nacht. Mitten in der Wüste, wo die Joshua-Palmen wie ein Wald standen, wo keine Straße hinführte und wo die Felsen langsam durch roten Staub wanderten. Keiner wusste, was die Felsen antrieb, aber man konnte ihre Spuren am Boden sehen. Die Sterne leuchteten wie schillernde Diamanten hinter langsam vorbeiziehenden Wolkenschleiern. Da waren die morschen, roten Steinriesen, verwittert, bereit zu Staub zu werden und schimmerten blässlich grau und violett im Mond- und Sternenlicht. Die Joshuabäume warfen einen Wirrwar gezackter Schatten hierhin und dorthin über den feinen roten Sand.

Ein kleiner schwarzer Skorpion wanderte vorbei an der Stelle, wo der Boden aus hartem Fels war und ein Riss sich durchzog von der Oberfläche bis hinunter in uralte Gesteinsschichten. Der Riss führte kilometerweit in die Tiefe. Bis dahin, wo wieder Wasser stand und noch weiter hinab, wo sich alles Licht der Sterne und des Tages verlor, wo lichtlose Pflanzen wuchsen, die keine Farbe hatten und die keine Formen kannten, außer der Form des Zufalls. Hier war ein dichter Wald aus blassen Algen, schwarzen Schlingengewächsen und falben, schleimartig den Fels überwuchernden Moosen. Hier war kein Licht und kein Laut. Was hinunter stürzte durch den Spalt kehrte niemals wieder hinauf.

Zu diesem Spalt kam heute Nacht der Stamm der Akimel O’Odham, die sich nach den stacheligen Bäumen nannten. Sie waren Bewohner der Wüste, konnten aus den Pflanzen Wein und Heilmittel machen und aus den Tieren, die sie fingen, wunderbar schmeckende Speisen bereiten. Wer davon kostete, vergaß es nie mehr, denn er kostete die Wüste selbst. Ihr Mark und ihre ewige Seele. Und er fühlte sich klein. Wüstenspeisen machten den Menschen stumm und nachdenklich und das war auch die Eigenschaft der Menschen vom Stamme der Akimel O’Odham. Sie sprachen kaum miteinander wenn es nicht sein musste. Sie lehrten ihre Kinder durch Zeigen und durch Schriftzeichen, die sie in den feinen roten Staub malten. Kein weißer Mann kannte diese Zeichen. Die Akimel O’Odham verwischten sie, sobald sie gelesen worden waren und sie malten sie niemals auf Fels und kratzten sie niemals in Holz oder in Knochen.

Es mochte 100 Jahre her sein an diesem heutigen Tag, als der Skorpion wanderte. Da war ein weißer Mann zu den Akimel O’Odham gekommen. Er kam mit einer Gruppe von Helfern und vielen Pferden, die Forschungsgeräte trugen. Sie zogen über die unermessliche Ebene und sie alle waren halb verdurstet. Die Akimel O’Odham gaben ihnen Wasser und Essen und zeigten ihnen einen Lagerplatz im Schutze einiger Felsen. Der weiße Mann hieß Herfurth und war Naturforscher. Er war durch Zufall auf die Akimel O’Odham gestoßen und zeigte sich begeistert und beglückt darüber. Die Akimel O’Odham begegneten ihm reserviert aber freundlich. Er wollte eine Weile bleiben und über die Akimel O’Odham lernen. Er holte die Geräte von seinen Pferden und fing an, die Gegend zu erkunden. Er begann auch, die Akimel O’Odham zu vermessen und mit ihnen zu sprechen. Er sprach viel mit Atha, einem Akimel O’Odham-Mädchen, das die Zeichen des Stammes gut malen konnte. Eines Tages begab es sich, dass Atha für Herfurth einige der Zeichen in den Staub malte. Herfurth wurde daraufhin ganz erregt und zückte sein Notizbuch und drängte Atha, ihm alle Zeichen, die sie kannte, in den Staub zu malen. Sodass er sie abschreiben konnte.

So lernte Herfurth über Monate hinweg bei den Akimel O’Odham. Er aß das Essen, das sie für ihn machten und trank den besonderen Wein, den sie aus Wurzeln und Agaven herstellten und er lernte selbst die meisten Rezepte, die er in sein Buch schrieb. Er sprach mit den Alten und hörte von den Ereignissen, an die sie sich erinnern konnten. Er hörte auch, was vor langer Zeit geschehen war, und woran sich keiner, der noch lebte, erinnern konnte. Und er schrieb alles in sein Buch. Er sprach mit Olo, dem Häuptling und lernte von den Zaubern, die eine Jagd erfolgreich machen und die Schutz vor Gefahr und Krankheit bieten. Und er lernte die Sprache der Akimel O’Odham, die diese für ihn in den Sand schrieben. Und alles, was sie ihm sagten, konnte er schließlich in ihrer eigenen Sprache aufschreiben, in sein Buch, das inzwischen drei schwere, gut verschlossene Bände umfasste.

Doch es kam der Tag, da Herfurth den Akimel O’Odham von seinen Plänen erzählte, bald aufzubrechen und die Reise zurück durch die Wüste anzutreten. Da erlebte er, wie sich die gleichmütigen Mienen der Leute verfinsterten. Herfurth machte viele gute Worte, um sie zu beschwichtigen. Er erklärte, dass es ihm nur darum ginge, zu verstehen. Und dass er nur dazu das Wissen, dass er bei ihnen gesammelt hatte, nutzen werde. Und dass er nur solche Menschen daran teilhaben lassen würde, die von einer ebensolchen Ehrhaftigkeit waren, wie er selbst. Schließlich, als Herfurth sich in einer immer feindseliger werdenden Umgebung sah, bot er an, die drei Bücher bei den Akimel O’Odham zu lassen und sein Wissen für sich zu behalten. Zuletzt erklärte er sogar, für immer bei den Akimel O’Odham bleiben zu wollen.

Eines Nachts lag Herfurth in seinem Zelt und sorgte sich um den Ausgang seiner Expedition. Er war bekümmert, da die Akimel O’Odham ihm mit keinem Wort ihre Absichten mitgeteilt hatten. Plötzlich sprangen sie von den Felsen ringsherum. Krieger, Frauen, Kinder und selbst die Alten. Sie hatten stachelige Äste der Joshuabäume und schwangen sie wie Peitschen. Und sie erschlugen binnen weniger Minuten die meisten von Herfurths Begleitern. Diejenigen Weißen, welche Hals über Kopf in die Wüste liefen, verfolgte man nicht. Sie fanden bald einen jämmerlichen Tod unter der sengenden Sonne.

Herfurth aber rissen viele Hände aus seinem Zelt. Sie banden ihn und trugen ihn weg. Weithin durch die Wüste schleppten sie ihn an der Spitze eines stillen Zuges. Bis zu der Stelle, wo der Boden aus hartem Fels war und die Landschaft im Sternenlicht funkelte. Herfurth, der zuerst gerufen und gefleht hatte, war still geworden. Es ging ihm alles durch den Sinn, was man Schreckliches mit ihm vorhaben könnte. Und doch war ihm bis jetzt kein Leid zugefügt worden. Nun aber nahm man ihm die Fesseln ab. Seit Tagen hatten die Akimel O’Odham kein Wort mit Herfurth gesprochen. Wortlos packten sie den Unglücklichen mit vielen Händen und warfen ihn durch den Riss im Felsen hinunter in den Schlund der Erde.

Hundert Jahre vergingen und die Wüste lebte fort in ihrem gleichmäßigen Rhythmus und hörte nur das Geräusch des leise dahin fließenden Staubes. Herfurth fiel in die Tiefe und stürzte in das schwarze Wasser, das am Grunde lag. In der Dunkelheit des Erdschoßes fand er sich wieder. Umschlungen von der Nacht überkam ihn große Verzweiflung. Er legte sich nieder und betete um seinen Tod. Doch statt des Todes kam zu ihm etwas anderes. Nach einer unbestimmten Dauer von Zeit, die er allein in der Stille verbrachte, keimte ein bitterer Wille in Herfurth. Er würde alleine Mensch sein müssen unter dem lichtlosen Gewürm. Er würde die beinahe verloschene Wärme seines Herzens bewahren müssen an einem Ort, der keine Gesichter kannte.

So aß er augenlose Fische und Molche und Würmer und bitteren Tang. Und wartete auf das Ende seiner Lebenszeit. Und nachdem er anfangs noch nach oben gerufen hatte, sobald er Kraft entbehren konnte, und auf Antwort gewartet, so rief er irgendwann nicht mehr. Und schließlich vergaß er auch das Warten.

Doch als der Tag kam, an dem er still und allein im Dunkeln hätte sterben sollen, siehe da, er tat es nicht. Er blieb am Leben. So war es mit dem Naturforscher geworden. Mit bleichen Winden im Haar lebte er dort unten. Von ewiger Nässe triefend wurde seine Haut glatt wie Seide und weiß wie Schnee. Seine Augen wurden groß wie die eines Karpfens, gewöhnten sich an das lichtlose Schauen. Viele, viele Jahre war Herfurth gekrochen und geschwommen. Chak Mool, der Wasserdämon, machte Jagd auf ihn. Doch erwischt hat er ihn niemals.

So schwand ein Zeitalter und es kam der Tag, an dem Verlorenes wiedererstehen musste. Da gingen die Akimel O’Odham des Nachts wieder zu dem Spalt und zogen Herfurth heraus aus dem tiefen Dunkel an einem kilometerlangen Agavenstrick. Und als Bezwinger des Chak Mool wurde er ihr Gott. Sie zogen ihn herauf als Dionysos der Tiefe, sein Kranz nicht aus Weinlaub, sondern aus schwarzem Tang und bleichen Trieben im Haar. Sie legten ihn in den Wüstensand wie ein nasses, neugeborenes Leben und rieben ihn ab mit dem roten Staub der Wüste. Dann trugen sie ihn auf ihren Armen fort, wie damals, als sie ihn hergebracht hatten. Zurück zu dem Lagerplatz, wo die Akimel O’Odham in niedrigen Hütten wohnten. Doch sie waren nicht still während dieses Zuges, wie damals. Sie sangen und riefen und tanzten unterwegs und wiegten Herfurth und trugen ihn auf ihren Händen, sodass er die Sterne des Nachthimmels zählen konnte. Und im Lager setzte man den Schwachen, der kaum gehen konnte, in einen Sitz aus weicher Leguanhaut. Darunter Sand, der noch von der Sonne des Tages warm war. Jetzt entzündeten die Akimel O’Odham große Freudenfeuer aus trockenem Stachelholz. Und bald tanzten sie alle rings herum durch die stiebenden Funken.

An Herfurth heran aber trat Atha mit einem schweren Bündel auf ihren runzelig gewordenen Armen. Sie legte es dem Forscher in den Schoß und siehe: Es waren die vielen Seiten der drei Bücher, die er einst vollgeschrieben, vor langer Zeit. Und klar und schwarz standen auf dem vergilbten Papier die magischen Zeichen der Akimel O’Odham, die hundert Jahre überdauert hatten. Herfurth nahm nun Seite um Seite in die Hand. Er strich mit einem Finger wie erinnernd über einige Stellen, glättete hier und dort eine Falte. Um dann das Blatt sachte in die Flammen des Feuers gleiten zu lassen. Ebu, der Sohn des verstorbenen Häuptlings Olo, der dessen Platz als Stammesführer innehatte, trat heran. Er bot Herfurth die Hand und zog ihn aus dem Sitz. Gemeinsam schoben die den Stapel der brüchigen Seiten in die Glut, wovon indes keiner der tanzenden Akimel O’Odham Notiz nahm. „Nun kannst du gehen, wenn du willst,” sagte Ebu, „denn du hast im Schoß der Wüste gelegen und bist Chak Mool entgegengetreten. Du sprichst nun die Sprache unseres Stammes.”

Und Herfurth, dessen blasse Haut vom roten Staub der Wüste bedeckt war, und in dessen Haar die Akimel O’Odham leuchtend violette Wüstenblumen gesteckt hatten, blickte Ebu lange an. Unter seinen großen, feuchten Augenkuppeln standen still und ruhig die Pupillen, gewöhnt an Schwärze, entzückt von jedem Blick. Und die Sterne des Nachthimmels spiegelten sich in ihnen. Da ergriff er Ebu bei der Hand und sie tanzten beide durch den Funkenregen der leuchtenden Feuer der Akimel O’Odham.

Die Neue Welt

Die Neue Welt kommt, sie macht Idioten. Die Neue Welt kommt, nach der Krise und die Neuen Menschen werden anders sein. Werden sein, was sie essen, was sie tragen, was sie atmen, so wie sie liegen in der Nacht, so wie ihre Freunde sind.

Die Körper werden harte, grobe Muskeln bilden, die edlen Leiber umwuchert sein wie von Würgefeigen. Ihre Hände werden Klauen sein, daran keine Erde, sondern Schmutz der Straße, Flecken von Asphalt und schwarzem Öl. Ihre Haut wird weiß und gelb sein wie Pergament. Dünne schwarze Haare werden sich aus ihren Poren schlängeln, von ewigem Schweiß auf die Haut geklebt.

Ihre Gesichter werden sein wie Masken. Die Lippen fette, blutrote Schnecken. Kein Freudestrahl traf diese Gesichter, solange sie lebten und in den grauen Tag starrten, nichts erwartend, höchstens Schläge und bitteren Regen, der wie Schmutz auf sie fällt. Kinder der Neuen Welt! Die Zähne gelbe, zerschundene Schaufeln, einer nach dem anderen bricht beim Kauen. Sie fressen synthetische Nahrung der großen Fabriken und der chemischen Werke: Gelbe Lappen von Brot, rosa Lappen von Fleisch, gepresst unter Dampf und Druck. Ihre Bäuche vollgestopft mit Volksnahrung, – und lauter Hass. Auf alles. Auf nichts. Auf die da oben. Auf jeden Hund, der vorüberjagt. Die Neue Welt kommt und die Krise der Poesie. Die Menschen von Morgen werden schreien wie Tiere, – blöken wie Schafe, bellen wie Hunde, brüllen wie Kälber: ‘Gebt uns Brot!‘‚ ‘Gebt uns Fleisch!’ Und vor Allem: ‘Gebt uns das Blut der Schuldigen!‘

Perlen liegen herum, aus der Alten Welt: Gefallen beim Übergang – als die Krise kam und fraß und brannte – aus dem Schneckengehäuse der Zeit. Sie werden eine Weile lang den Schimmer noch behalten, und ein letztes Mal spricht man uns frei. Die Neue Welt aber: wie ein unsichtbarer Film liegt sie schon jetzt über unserem Schicksal.

Das Klima wird wärmer, Regen fällt. Ich sehe Gestalten, geduckt zum Sprung, – ihre Hände sind Pfoten, sie haben Panzer wie Schildkröten. Die Kinder der Neuen Welt! Sie schlagen sich wie wilde Mammute, stechen mit hinterhältigen Klingen. Sie stehlen, was sie wollen. Sie haben Blut unter ihren Fingernägeln. Und ihre Augen, gnädiger Gott! Sie sind versteinert, – zu schwarzen Kieseln. Ich sehe am Grunde des Meeres lauter Schlick. Darin ein Schimmer wie von Perlmutt, der auftaucht und von Ewigkeit spricht. Oh, Glanz und Glorie der Alten Welt!

Gut, dass es die Daimons gibt

Lange haben sie mir im Kopf herum gespukt: die Daimons. Jetzt ist ihre Platte raus: Daimons. Berliner Portraits.

Wie nennt man das, was die Daimons machen? Multikulti-Musik? Ethnopop? Weltoptimierungsmusik?

Ich schlage vor: Gut-dass-es-sowas-gibt-Sound. In Berlin war ich mit den Daimons im Aufnahmestudio, als sie ihre Platte gemacht haben: Sie haben das Ding eingespielt, ich hatte eine Molle in der Hand und habe zugehört…

Das Gebäude in Mitte ist plain as day.

Kein Anarcho-Schick. Kein Underground-Feel. Man geht durch einen Hinterhof, wo ein Mittelklasse-Opel parkt, dann ein paar saubere Treppen hinauf.

Oben viele Kabel, die durch den Raum wuchern und an einer Stelle zusammenlaufen: Ein Tonstudio. Hier arbeitet Florian Keyserlingk. Er schiebt die Regler und sagt Nochmal! oder Gut!

Die Daimons, das sind neun. Eine passable Big Band. Ein Apparatus Musicus. Die Herren sind für die Technik zuständig. Die Damen für die Stimmgewalt. Constantin “Conne” Schöttle rappt. Der Front-Man der Daimons sieht ein bisschen aus wie der Front-Boy von der Zwieback-Werbung.

Aber – Scheiße! Der Typ kann rappen. Die Texte, die er und sein Mädchen schreiben, sind keine Kinderschokolade. Klar, es gibt den Wohlfühlstoff, der auf keiner guten Scheibe fehlen darf: “Reläääa-x, relax!”, zum Chillen und einen coolen easy Tag haben…

Titel wie “Irren”, in dem es gegen die Nazis geht, sind topaktueller politischer Stoff, heiß und brisant. Sound, der ein großes Maul hat. Und eine Message.

Sieht man die Daimons live, ist das vielleicht der Moment, wo einem ein Licht aufgeht: Man sucht, aber man sucht vergeblich nach dem Hampeln und Zappeln, den stilistischen Verrenkungen, mit denen sich aufstrebende Musiker gern hervortun… Die Daimons betreiben kaum Image-Building.

Diese Band ist auf eine geradezu irritierende Weise real.

Es ist wie wenn man in der Wüste steht und nach dem Geräusch sucht, das nicht da ist: Stille.

Denkt man an diese voll-synthetischen, durchdachten Szenegruppen, deren Mitglieder sich crazy verkleiden und  hilflos verspätetes Dada produzieren: Ein Kunst-Projekt sind die Daimons nicht. Sie scheinen frei von Verstellung

Sie schlagen nicht ihre Instrumente kaputt. Sie werfen mit nichts, als mit ihrem Sound. Ich bin perplex, – das Maul steht mir weit offen!

Und das ist Jazzadelic Soul.

Die Daimons sind eine Band von lauter Nackten: Die Masken, neun Stück, so kann man vermuten, hängen während des Konzerts in säuberlicher Reihe hinten in der Garderobe.

Die Daimons kommen auf die Bühne mit einem Klang und einem Feeling. Und ohne Fälschung.

Was bleibt?

Musik.

Die DAIMONS sind:

Stephanie Cuff (Gesang)
Anke Schultner (Background)
Eugenia Tapia (Background)
Constantin Schöttle (Rap)
Chris Reinhardt (Saxophon)
Alexander Grünberg (Schlagzeug)
Nicola Fanari / Josip Duvniak (Keys)
Peter Naderer (Bass)
Mike Budden (Gitarre)

Darjeeling

Colour and appearance of a pot of Darjeeling black tea, that I had cooling on my shelf for a while

Galerie: Sebastian Pollozek

Nie ging es mir besser…

Einst war auch ich warm und geborgen. Stumm. Aufgehoben in Unmündigkeit. Und heute noch kämpfe ich, es sein zu dürfen. Scheue ich vor jedem, der mir Sprache einflößen will und der auf mich einredet. In der Tiefe des Raums lag ich einst in nachtschwarzer Dunkelheit. Kein Ermessen außer unbestimmtem Fühlen. Nach allen Seiten mochten Kilometer oder Zentimeter Platz sein, ich wusste es nicht. Nicht zu sagen, ob ich tief unter der Erde oder hoch über ihr wäre. Und es herauszufinden kein Interesse. Ich war zufrieden.

Ich blickte von Anfang mit Bedauern auf die ständig wachsende Klarheit in meinem Leben. Sie sickerte durch, selbst noch, als ich schon dagegen ankämpfte. Wie schmutzige Luft. Wie ein unangenehmer Geruch drang Wahrheit durch die Wände meines Kokons. Wahrheit ist etwas gutes, wie das Messer für den Metzger sein anvertrautes Werkzeug, also etwas gutes ist, dachte ich. Für das Schlachtvieh auf dem Block aber ist ein Messer nichts Gutes. Höchstens etwas Akzeptables, wenn man es nicht ständig vor der Nase hat. Irgendwie ahnte ich, dass mit Wahrheit, reiner Wahrheit um ihrer selbst willen, niemandem so recht geholfen sein dürfte. Die Wahrheit ist so kalt und ungut, wie das Universum weit draussen. Zu sagen, “gebt mir immer mehr Wahrheit” hieße doch, dachte ich, den eigenen Tod zu wünschen. Nur immer kälter wurde es dadurch. In meinem Raum, um mich herum.

Dabei ist frieren wenigstens endlich. Einen Stillstand müsste es hier ja geben. Angeblich bei minus 272 Grad. Erträglichkeit, so scheint es, dachte ich, hat ihren Preis und muss immer mit mit einer gewissen Menge ihres direkten Gegenteils bezahlt werden: Unerträglichkeit. Somit ist jede Minute, in Bewusstsein verbracht, das kostbarste Gut und gleichzeitig unsagbar gefährlich und zweischneidig. Eine Hypothek des Schreckens. Ein Pakt mit dem Satan. Und eigentlich eben nicht für wilde, quietschlebendige Säue gedacht.

Aber niemand kann sich aussuchen, was er ist. Was er ist, das ist jedem eingebrannt. Es gibt nichts Unnachgiebigeres als Ribonukleinsäure. Und somit gibt es keinen Alptraum, der erst noch ausgedacht werden müsste. Jede Nacht und jeder Morgen bringt das tiefste Grauen. Ist erst eine gewisse Dosis an Wahrheit, kalter grimmiger Wahrheit eingesickert, eingedrungen wie radioaktive Strahlung, so steht einem jeden Menschen das Schlimmste bevor: Angst und Schmerz. Ausweglos.

Alleinsein ist eine dieser Prüfungen, eine, der keiner entkommt. Wimmeln, sich verstecken unter sovielen Anderen, das macht paradoxerweise die Einsamkeit deutlich. Ich hatte es versucht, wollte durchgehen als einer von vielen. Hätte man mich gelassen, ich wäre als Geheimnisträger, vielleicht als der Erste überhaupt, bis zum Schluß stumm geblieben. Es muss doch möglich sein, sich wegzuducken, dachte ich. Es gibt doch eigentlich zu viele, als dass jemand den Überblick behalten könnte. Aber man zog mich raus und irgendwie schafften sie es sogar, dass ich Luft in meine Lungen sog und atmete.

Wie schön war es bei meinen schwerelosen Freunden in der Tiefe. Ich war nie ein oberflächlicher Mistkerl. “Für wen halten die sich da oben?” dachte ich. “Wer will mir vorschreiben, ob ich zu schweigen, den Mund zu halten habe, oder ob ich zu sprechen habe, zu plappern wie ein Äffchen? Wer will mich zwingen, zu quaken wie die Enten-Sprecher George Orwells, mich am vibrierenden, nimmerendenden Geschwätz zu beteiligen?”

Mir ging es eigentlich nie besser, als in diesen Untiefen.


Die Seelenlosen

Auf die Obstbäume in der Orangerie des Würzburger Residenzgartens scheint die Sonne, als ich hier gehe, gerade warm genug, den Mantel wegzulassen. So wie es weiter vorne am steinernen Eingangstor zum Residenzgarten heisst: “Die Sonne scheint heute wieder”. Die prunkvollen Gitter von Johann Georg Oegg haben den Krieg irgendwie überstanden. Die Residenz nicht. Jedenfalls nicht so, wie sie war. Ich denke: Oder eben doch, weil: Ist ein Ding dasselbe wenn es wiedererbaut wurde? Ist der Kern das Wahre an einem Ding? Oder die äußere Hülle? Und besonders wahr dann, wenn der Moosbewuchs darauf uns die Zeitlichkeit des Dings darunter vor Augen hält?Der Mensch, so sagt es doch die Wissenschaft, ist sieben Jahre lang derjenige, als der er geboren wurde. Dann spätestens haben sich alle Zellen in seinem Körper ausgetauscht gegen neue. Aber der Mensch hat ja sowieso keine Zeit und ist immer bemüht, Bewuchs von sich fernzuhalten, der sagen könnte, wo überall er schon gelegen oder gestanden haben mag. Seine Seele, denkt er, wird eines Tages erst recht frei von allem sein und davon fliegen.

Als Seelenlose also haben manche den großen Krieg überstanden und sagen nur noch dies: Seht, eure Erinnerung trügt nicht wenn auch ihr mit Schaudern daran zurückdenkt. Als die Feuerwalze kam, von der die Ahnen den Jungen berichten, wie sie Würzburg, die Reiche, verschlang, blickten vielleicht ihre Augen, glühten vielleicht ihre Leiber in den Flammen. Darum stehen sie jetzt hinter Glas. Zu wertvoll die Erinnerung, sie noch einmal der Zeit auszusetzen.

Bräche man sie nun auf, die Schale, worauf der Rost der Zeit wächst. Was hätte man? Worauf blickte man? Was ist der Kern eines solchen Dings? Bruchkanten mit schimmerndem Perlmutt besetzt? Staubige Schichten von glattem schwarzem Schiefer? Und nähme man den Abdruck per 3d-Scan und rekonstruierte das Ding. Aus Plastik, aus Marmor, aus Bronze. Was hätte man? Und ließe man zweihundert Jahre vergehen, die Ereignisse ihren Lauf nehmen. Die Zeit darüberwachsen über das Ding. Was hätte man? Vielleicht dann endlich wieder die Gegenwart in bergender Erinnerung verstaut? Der ertragsreichste und zugleich wohl schönste Zuschnitt für die Krone eines Obstbaums ist eine Kegelform.

The Search of the Lost. On Rémi Pinauds short film „Moleque“

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In his works, Remi Pinaud has given us a spectacular insight into the nightlife of Paris and also, together with Benoit Mery, has taken a look across the border to feel for the last remains of the Summer of Love in the south of Germany.

This essay is concerned with “Moleque”, in which this writer-director really kills and prooves himself an emotionally insightful storyteller. An artist to reckon with in the future.

The ‘mumblecore’ style of filming gets its name by it’s non-perfect technical characteristics: the audio may tend to be muffled. More importantly, it is just a low- (or non-) budget way of making a film, often by casting friends and shooting with basic, self-owned equipment. In this manner, movies were made in the last few years, that draw a certain feel of authenticity from the roughandready look, they have. For critical journalism, this storytelling also supports credibility, but can additionally have another effect: The fact, that all is filmed basically on the streets, adds to a certain “sketch-like” appeal. The thesis of a film like that can be stronger and more clear, than in technically more advanced and ornamented movies. In their reductionism, those rugged productions can outrun a major blockbuster, when there’s a story behind it.

“Moleque” is a short movie. For just around fifteen minutes we follow along on the search of a homeless person (Jose Trassi), who is looking for his companion, which he calls “Moleque”. It is what you call a street person in Sao Paolo and what they call each other. Moleque, that is the guy looking as well as the other guy and all the guys in the streets.

Just awoken from an uneasy dream, the Moleque finds himself in a torn down apartment. Coughing, he sets out to find his friend. “Moleque!” is the constant and increasingly desperate call for the invisible kid brother, that the Moleque is missing from his side. Now the search begins on the sun-scorched streets of Sao Paolo. “Moleque!” will become the mechanically repeated mantra of this journey. Only one man we see travelling through the guts of the south american moloch.  He adresses some people, the security guards, the pedestrians, the garbage-drivers. But the streets of Saint Pauls’ City have silently devoured his friend. It’s either that or this poor devil we see thirstily drinking the last drops from a plastic bottle, is imagining him all along.

 Where can he be? Who can he be? We imagine a rushed little boy somewhere else in this megacity, franticly searching dirty streets. Driven by the sole wish to reunite with the other. At this point in the film, an elegant metaphor becomes apparent.  

 Like those two, a whole sub-society is lost and forlorn. With whom are they trying to reunite? Those thousands and thousands, that are living and dying at the bottom of the city of Saint Paul: The connection is lost from one to another. In a social network, that demands certain social standards from the people connected, single human beings get lost and fall down. 

The Moleque won’t get help from the people he is asking about his brother: “Did not see him”. How would we have? The pedestrians are pushing on. Stories of a lost one take place here every day. And people have grown tired to look at the suffering. The people, that the Moleque encounters, are sitting in their cars, boots or are walking by. They are in most parts not extras or actors, but are just the real citizens of Sao Paolo. They look at the actor Jose Trassi like at any ‘real’ dirt-eater on the streets, who is willing to clean their windshields even with his own clothes. They hardly take any notice of the nameless wanderer. When he’s not seen as a threat, he’s also not a citizen. But merely a regretfully dirty part of the streets of Sao Paolo. Like the dustbins. 

The Moleque continues his search. For his friend, his little brother, but also for some coins, for scraps of food. He finds some pizza in a garbage bag and hungrily eats it. He drinks some leftover lemonade. From time to time he is seized by coughing fits. And time and time again he is calling out for “Moleque!” Actor José Trassi gives an impressive performance. 

After nightfall, the Moleque lays down on a traffic island. Hard to believe, but there’s some peace in the way, he lays his head now. Even if it’s only minutes till he has to rise again, driven though painfully exhausted.

In this short period, we don’t even know, if he will get up again. And even if he will, we feel that the time nears when he cannot carry on anymore. And his search, whatever it means, will be finally over.

This moment of calm: Is it all a dream? Is the little boy, he is looking for, real? Or a feverish idea, an illusion. Spiritual people are welcome to hope that it’s the Divino Niño, the child Christ of the southern Americas, that will lead the poor soul straight into the realms of heaven. 

Death seems to be waiting for him. On the hard ground of Sao Paolo, Moleque will stay lost, we are afraid.

But like an animal, that carries along the scent of death, he drags on. Surrounded by people and yet alone, like in a hostile desert. Clinging to a tiny shard of existence. How many days will he have left for his search?

It’s over, the credits are running. We hit space. Those 15 minutes of film have delivered a good deal of pause. 

The ‘look like homeless’ Trassi makes obvious, that you only have to wear dirty clothes to be perceived as potentially dangerous. It seems difficult for anybody to get back on his feet, when you can’t approach a fellow citizen for a conversation.

Pinauds Moleque is brief and insistent. There is no overture. There is no closure. In our present day, just another Moleque is running out of time.

I don’t have a gun”, he says. Nobody seems eager to bet on that. Can we help a fellow human being, when there’s an armoured car’s glass panel always between us? When we cannot trust one another and are afraid to tend to the people that need help.

The director tells us, that in making the film, the team was accompanied by an armed guard, who lowered his hand to the butt of his revolver, once the filming started. It seems like for the fiction to be made, the reality it was talking about had to be kept at a distance.

Rémi Pinaud and José Trassi are discovering a society way past the 2010s, that has lost not it’s will, but it’s ability for compassion. Pinaud is not Brazilian. But “Moleque” is a tale, that, in it’s basic proposition, could easily be moved to Paris or Berlin.

Who doesn’t know the disinterest towards poverty and distress, that citizens of major cities adjust themselves to, quickly after arriving?

This is one and maybe the only message of this short and compelling work: It is like that, we all know it. The authors of this film do not pretend to know an answer to longstanding social questions. But they are not going to be silent about it either.

 

 

Temperierte Malerei: Sebastian Pollozek in der Akademie-Galerie München

Das wohltemperierte Klavier kennt man aus der Musik. Was aber ist temperierte Malerei? In der Akademie-Galerie im Zwischengeschoss der Münchner U-Bahnlinie 3 an der Universität kann man noch bis zum 11. März die Ausstellung von Sebastian Pollozek sehen, deren zentrales Element die Temperierung ist. Es ist ein Ort, an dem täglich hunderte Menschen vorbeigehen. Direkt nebenan kann man sich einen Kaffee holen und ein bisschen vor den Schau-Fenstern verweilen.

Der junge Münchner Maler hat sich auf das Wesentliche beschränkt: 4 Bilder aus seinem neueren Schaffen hängen sachlich ausgeleuchtet in diesem unterirdischen Raum mit den drei Stützpfeilern. Es wäre Platz für eine ganze Reihe mehr gewesen, auch für mehr Brimborium.

„Ein verdichtender Schritt in die Mitte, eine Art elitäre Abgrenzung, ist notwendig, um die Toleranz der Postmoderne nicht mehr in Anspruch nehmen zu müssen“, so der Künstler. Es soll kritisch beleuchtet werden, mit welchen Mitteln eine Neuerung in der Malerei erreicht werden kann. Und ob das bemühte oder gar gewaltsame Ausbrechen-Wollen aus einer Postmoderne Sinn macht, die genau durch diese Dehnung ihres Begriffs und den dadurch aufgeworfenen Diskurs lebt. Die „Schutzschilder“ der Postmoderne, Ironie und Relativismus, werden von diesem Ansatz bewusst ausgeschlossen.

Pollozek verzichtet für die Ausstellung auf intertextuelle Spielereien. Er hat seine Malerei ausstellen wollen, mehr nicht: „Ich bin Maler, also male ich Bilder.“ Die Kunst befindet sich auf den Leinwänden. Die Leinwände hängen an der Wand.

Es gibt keinen Skandal(-Versuch), keine Provokation, keine Exaltiertheit. Wer den Begleittext studiert und dazu die vorangegangenen Bilder dieses Künstlers kennt, merkt: Hier ist einer, der unaufhörlich über der eignen Arbeit brütet und sich nicht zufrieden gibt, nur weil er seine Bilder inzwischen verkaufen kann. Das Bekenntnis zu Form und Vorbildern ist alles andere als Resignation an der Grenze. Die „Phase der Temperierung“ ist vielmehr eine Atempause zu einem bestimmten Zweck. Pollozek ist ein ungebrochener Idealist, der nicht nur den augenblicklichen Erfolg im Blick hat: Eines Tages muss es in der Kunst wieder eine große Bewegung geben. Mittels gründlicher Vorbereitung soll irgendwann wieder Neues erreicht werden. Evolution statt Revolution, Geduld bei der Herausbildung des eigenen Charakters und kontinuierliches Voranschreiten statt kurzlebiger Erfolgs-Genüsse.

Dabei liegt ein besonderes Gewicht auf dem Verhältnis zwischen Meister und Schüler. Statt den gesamten Fokus auf Superlative und Extreme zu richten, hat Pollozek bewusst zurückgeschaltet: Es ist wichtig, Vorbilder anzuerkennen und durch die Chance einer solchen Beziehung zu wachsen. Auch das meint die Temperierung.

Auf die kommenden Werke dieses Künstlers darf man jedenfalls gespannt sein.

Kontakt: s.pollozek@gmx.net

Pollozek verzichtet für die Ausstellung auf intertextuelle Spielereien. Er hat seine Malerei ausstellen wollen, mehr nicht: „Ich bin Maler, also male ich Bilder.“ Die Kunst befindet sich auf den Leinwänden. Die Leinwände hängen an der Wand.

Es gibt keinen Skandal(-Versuch), keine Provokation, keine Exaltiertheit. Wer den Begleittext studiert und dazu die vorangegangenen Bilder dieses Künstlers kennt, merkt: Hier ist einer, der unaufhörlich über der eignen Arbeit brütet und sich nicht zufrieden gibt, nur weil er seine Bilder inzwischen verkaufen kann. Das Bekenntnis zu Form und Vorbildern ist alles andere als Resignation an der Grenze. Die „Phase der Temperierung“ ist vielmehr eine Atempause zu einem bestimmten Zweck. Pollozek ist ein ungebrochener Idealist, der nicht nur den augenblicklichen Erfolg im Blick hat: Eines Tages muss es in der Kunst wieder eine große Bewegung geben. Mittels gründlicher Vorbereitung soll irgendwann wieder Neues erreicht werden. Evolution statt Revolution, Geduld bei der Herausbildung des eigenen Charakters und kontinuierliches Voranschreiten statt kurzlebiger Erfolgs-Genüsse. Dabei liegt ein besonderes Gewicht auf dem Verhältnis zwischen Meister und Schüler.

Panama auf Deutsch

Der Brite ist in Honduras angeblich mit der Pistole bedroht und um ein bisschen Kleingeld erleichtert worden. Auf einen Käfer in Honduras, sagt er, ist mit der Kalaschnikow geschossen worden. Ein Ladrón hat erst vor wenigen Tagen den Wachtposten eines Pfandleihers, direkt hier unten, neben dem Cafe Coca Cola, auf der Avenida Central, erschossen und ist danach seinerseits erschossen worden. Es ging um den Preis für eine billige Armbanduhr.