Blank als Pornokönig

Als Blank draußen ist, regnet es. Längst ist es stockdunkel und der Parkplatz, über den feine Schleier von staubfeinen Regentropfen herziehen, ist nur schwach beleuchtet von gelben und orangen Lichtern. Von umstehenden Laternen aus stechen sie als lange Streifen in der nassen Fläche und blenden. Und aus den Pfützen auf dem Asphaltbelag gespiegelt ragen sie wie lange Richtschwerter in Blanks Richtung. Blank geht langsam und unentschlossen auf seinen Wagen zu, ohne ihn wirklich erreichen zu wollen. Als er dann aber doch neben ihm steht, kann er sich nicht entschließen, einzusteigen. Blank fürchtet die Klammigkeit und die Schwüle, die sein nasser Mantel verursachen wird. Die Scheiben werden beschlagen und es wird sein wie damals, aber ohne Rita.

Munch 13

Der Regen ist nicht sehr kalt. Blank spürt ihn erst jetzt nach und nach durch die Haare auf seine Kopfhaut tröpfeln. Blank entschließt sich, den Wagen stehenzulassen. Blank ist schon betrunkener nach Hause gefahren, aber er hat plötzlich Lust, durch die Nacht zu wandern, anscheinend ist er auf der Suche nach irgendeinem unbestimmten Gefühl. Blank geht los, über den Parkplatz, auf die Brücke zu. Seit seiner Jugendzeit ist der alte Blank nicht mehr so grund- und ziellos durch die Nacht gestreift, hat sich so einsam gefühlt, und ist so verzweifelt gewesen, und hat es doch genossen. Zu gehen, zu rauchen, mit sich selbst über die verfahrene Lage zu reden und kurzlebige Pläne zu schmieden. Vielleicht ist es genau dieses Gefühl, dem Blank hinterher ist. Blank zündet einen Zigarillo an und raucht.

Nein, das ist nicht das Richtige. Blank steuert am anderen Ufer der Brücke einen Zigarettenautomaten an und kauft leichte französische Filterzigaretten. Als er die erste ansteckt und tief den Rauch einatmet, überkommt ihn mit Macht dasselbe Gefühl wie vorhin in der Bar. Als Blank den ersten Schluck von der Margarita genommen hat: Ein Déjà-vu, das ihn von einem Moment auf den anderen in eine ganz andere Zeitzone katapultiert und ihn einige Sekunden gar nicht mehr loslässt. Blank schüttelt es schließlich mit einem Schaudern von sich ab. Aber er genießt es auch. Es ist, als wäre etwas in ihm verrutscht, das lange still gelegen hat. Als wäre ein Korken, der seit Jahr und Tag im Hals einer alten Flasche steckt, plötzlich knirschend ein paar Millimeter herausgerutscht. Blank hatte ein sehr ausgeglichenes, unaufgeregtes Innenleben. Auf einmal fragt er sich, ob das nur eine Fassade gewesen ist, hinter der etwas ganz anderes, etwas Unsägliches verborgen ist. Blank spürt auch wieder ein Gefühl aufkommen, das ihm seit dem Morgen dieses Tages mehr und mehr vertraut wird.

Zu Hause macht Blank ohne Umschweife eine Flasche Wein auf. Beinahe hektisch krallt er sich eine dicke Zigarre aus dem Humidor, schneidet sie ziemlich grob an und steckt sie mit dem Feuerzeug an, ohne sich lange aufzuhalten. Blank setzt sich auf die Couch im Wohnzimmer und pafft einige Züge. Er nimmt dazu einen großen Schluck Wein. Es ist eine merkwürdige Anwandlung. Blank muss sie einfach loswerden, abschütteln.

Blank springt auf und läuft durch die Wohnung. Seine Schuhe haben beim Hereinkommen nasse Flecken auf den hellgrauen Teppich gemacht. Dazu tropft Blank Rotwein beim heftigen Ansetzen des Glases aus den Mundwinkeln.

Blank trinkt das Glas aus und schenkt nach. Er knallt die Flasche auf den Wohnzimmertisch, der aus gebürstetem Stahl, Teakholz und Glas besteht. Blank pafft heftig, bis ihm die Zunge taub wird. Wieder zu Vernunft kommen, sagt er sich. Dummes Zeug. Was ist das alles für ein dummes Zeug. Blank trinkt im Herumgehen.

Als er den letzten, kräftigen Schluck genommen hat, wird er endlich ruhiger. Blank macht klassische Musik an und wird noch ruhiger.

Blank sitzt eine ganze Weile einfach nur da. Teils lauscht er der Musik, teils hängt er den Gedanken nach. Blank nimmt sein goldenes Feuerzeug vom Tisch und zündet es an. Blank blickt in die Flamme. Sie vergoldet seine Hände. Goldene Hände, die doch die meiste Zeit seines Lebens nur gewichst hatten. Oder den Ring an der linken Hand endlos gedreht.

Ist es tatsächlich so? Ist Blank dabei, sich bewusst zu werden, dass all die Jahre etwas schiefgelaufen ist? Dass er gar nicht zufrieden ist? Durch den noch zu dünnen Schleier des Rotweins kommt ein nagendes Gefühl. Gewichst hat Blank. Hat sich Frauen kommen lassen und wieder gehen lassen. Dann hat Blank sein Pornoimperium aufgebaut. War gar nicht so schwer gewesen mit einer fetten Erbsumme. Das große Bumsen. Blank hat den Frauen heimgezahlt, dass er jahrelang abgeblitzt ist. Hat ganze Heerscharen gevögelt und allesamt besudelt heimgeschickt. Als das Blank zu anstrengend wurde, ließ er sich nur noch einen blasen. Immer und immer wieder, genauso oft, wie er eine frische Unterhose angezogen hat.

Einer plötzlichen Eingebung folgend steht Blank auf und legt das Feuerzeug weg. Er ist selbst überrascht, dass er plötzlich vor seinem Schlafzimmerschrank kniet und zum ersten Mal seit zehn Jahren diesen kleinen Kasten herauszieht. Drin die Pistole in ein Tuch gewickelt. Blank nimmt auch das Filmdöschen voll mit Patronen. Blank hat das Schießeisen besorgt, als er anonyme Anrufe erhalten hat. Es ging dabei natürlich um irgendeine Tante.

Am nächsten Morgen klingelt Blanks Wecker zur gewohnten Zeit. Blank bekommt davon nichts mit. Er wacht erst lange nach zwölf Uhr auf und findet sich auf dem Boden vor dem Bett. Blank setzt sich auf und bleibt eine Weile sitzen und starrt an die Wand. Blank steht auf und sofort setzt in seinem Kopf ein unangenehmes Stechen ein. Er schlurft durch die Wohnung.

Blank hat in seiner Küche einen verchromten Espressoautomaten für 5000 Euro stehen und den Kaffee bezieht er über eine spezielle Connection, die er nach Brasilien hat. Die Brasilianer kriegen dafür – na was wohl – deutsche Titten. Blank macht eine Tasse und verbrennt sich das Maul.

Im Wohnzimmer ist Wein über den Teppich, den Parkettboden und sogar gegen die Wand gespritzt. Eine der größeren Zimmerpflanzen, ein Gummibaum, ist umgestürzt. Als Blank ihn wieder aufrichtet, findet er unter einem Blatt seine Zigarre liegen. Blank hebt sie auf. Der hintere Teil ist völlig aufgelöst, zerkaut. Die Spitze ist unregelmäßig und grauschwarz abgebrannt. Blank geht in die Küche und wirft Zigarre, Weinflasche, Korken und Zigarettenkippen in den Müll.

Zurück ins Wohnzimmer. Die Rückwand des Raumes ist grässlich mit Rotwein besudelt. Blank wird die Putzfrau zu einen Sonderbesuch rufen müssen. Blank findet Einschusslöcher in der Wohnzimmerwand. Mindestens ein ganzes Magazin ist im Wohnzimmer verschossen worden. Einige Löcher sind in der gegenüberliegenden Wand, die das Wohnzimmer zur Küche hin abgrenzt. Eins ist in einem ziemlich teuren Gemälde und eine Kachel vom Kachelofen fehlt durch Einschuss. Blank findet leere Patronenhülsen auf dem Boden und es sind mehr, als in ein Magazin passt.

Die Pistole mit leerem Magazin auf dem Schreibtisch. Hier stand auch noch ein Weinglas, voll bis zum Rand.

Als Blank seinen Schreibtisch im Arbeitszimmer abwischt, findet er einige Blätter mit wirrem Gekrakel, die er wohl gestern verfertigt haben muss. Blank kann nicht alles entziffern. Die Worte „Arschloch“ , „Bock“ und, weiter unten, „Arschbock“ stechen deutlich heraus. Außerdem steht da: „Warum fällt nicht einfach der Vorhang ?“

Blank duscht. Kaltes Wasser fließt über seinen Kopf und rauscht in seinen Ohren. 

Blank als Mörder

Lange sitzt Blank so da, den Kopf schwer aufgestützt, und horcht auf das Rauschen in seinen Ohren. Mit grimmiger Genugtuung empfindet er die Wellen von Reue und Schuld, die durch ihn laufen. Wie sehr er diese Qualen verdient hat. Doch eine Zeit später steht er auf und fühlt, dass es wieder gehen wird. Gewiss wird noch eine Weile vergehen, doch so alt er ist, weiß er, dass jedes Gefühl seine Frist hat. Und menschliche Schuld, denkt Blank, ist nur eine Frage der Zeit.

Leiblfing 13-8-3

Hausarbeiten bringen ihn über diesen Tag hinweg. Abends aber geht er nicht ins Wirtshaus, sondern wandert den Bergrücken hinauf zum Grat. Wie von einer unbarmherzigen Macht angetrieben, schnauft Blank den steilen Pfad hinauf. Seine Gelenke krachen anfangs, als er weit ausschreitet, um die stufenartigen Blöcke, die an manchen Stellen liegen, zu erklimmen. Und seine Brust beginnt nach einer Weile, wie Feuer zu brennen. Schon schmeckt er den kupfernen Blutgeschmack in seinem Mund, doch atmet er weiter mit Verachtung die herbstlich kalte Abendluft. Und seine Ohren rauschen und übertönen das andere, das doch noch eine Weile kuriert werden muss.

Als er oben ist, bricht bereits die Nacht herein. Der Mond kriecht über die dunklen Wipfel des Tanns herauf, das hinter dem Grat zu sehen ist, und sein Licht fällt auf Blank. Schaudernd in der Kühle, gebadet in Schweiß und Tränen, sitzt Blank auf einem Stein und lässt den Kopf hängen, schaukelt ihn von Seite zu Seite, als will er Nein und immer wieder Nein sagen. Dunkle Flecken auf dem Schiefer zeichnen, wo seine Tränen hinfallen. Und bald starrt ihn von dort ein schwarzes Muster an. Das Weinen erleichtert Blank nicht. Schon wimmert er unter einer erneuten Last. Doch als er sich aufraffen und den Grat entlang weiter hinauf stürmen will, versagen ihm die Glieder. Wie betrunken stürzt er hin und ballt in ohnmächtiger Verzweiflung seine Hände in den Mergel. Endlich schreit Blank, bringt wenigstens das dann zu Stande. Und immer noch rauschen seine Ohren so sehr, dass er es kaum mit dem Schreien übertönen kann.

Als der Tag heraufdämmert, findet Blank sich wieder, dort wo er gefallen ist. Kaum hat er sich aus dem niedrigen Schattenteich der Felsen erhoben, scheint die Sonne ihm ins Gesicht. Wie erlösend ist der Schlaf gewesen. Alles hat er ausgewischt und tief und lange Blank im Nichts herumgedreht. Göttlich. Gnädig. Und als Blank auf den Nebel im Tal unten hinunter blickt und sieht, wie die Sonne über den Hangwald gegenüber und das Talfahrt- Joch weiter hinten scheint, da spürt er mehr denn je zuvor seinen Ursprung und wähnt sich geborgen und geläutert im Angesicht der Schöpfung. Jetzt schon kann er hinuntersteigen und wieder nach Hause gehen. Und später wird er mit der Kohlenschaufel in den Wald gehen und die Ursache seiner Schuld auf dem Kohlenkarren zugedeckt mit sich ziehen. Der Boden unter dem Bruch ist weich und sandig. Dort wird es auch ohne Spaten und Hacke gehen. Und irgendwann wird es alles geschafft sein. Mit diesem Gedanken, der ihn unsäglich erfrischt und aufmuntert, springt Blank vorwärts.

Panamerika

“Ein Kunstwerk, und sei es noch so besonders, dient uns nur dazu, die Zeit anzuhalten. Uns festzuhalten, festzuklammern. Alles dient nur dazu. Uns festzuhalten, festzuklammern…” Ich starrte auf die trüben und schleimigen Bläschen, die aus dem Wasser heraufstiegen. Seit Stunden kauerte ich auf einem der schlanken Boote, mit dem die Eingeborenen Panamas den Rio D’ Oro befahren. Nett wenn man sie so sieht vom Ufer aus, und pittoresk, wie diese hübschen braunen Indios mit langen Stangen im Morast stochern und die Nussschalen vorwärts schieben. Aber zum Vorankommen ist es Blödsinn, dachte ich.

Ich holte meine Flasche aus dem Sakko. Wie ein Lumpen aus einer anderen Welt hing das Ding seit Frankfurt am Main an mir und machte in der feuchten Luft hier überhaupt keine gute Figur. Italienische Merinowolle für dreihundert Euro. Hier würde mir niemand eine Tüte voll Kochbananen dafür geben. Ich trank einen aus der Flasche. Sonnenheißer Rum floss mir die Kehle runter. Seit meiner Ankunft war ich mehr oder weniger andauernd am Trinken. Es war einfach das Klima dafür. Man wurde hier nicht richtig besoffen.

Sie fuhren mich den Rio D‘ Oro entlang, vorbei an einer Insel, die im Abendlicht wie eine riesige Katze den Buckel sträubte. Hinein ins Mündungsgebiet, wo das sedimentgeschwängerte Süßwasser des Rio D‘ Oro sich mit dem klaren salzigen Wasser des Pazifiks vermengte. Man muss sich seine Gedanken schon machen auf einer solchen Reise, dachte ich. Von alleine sagt es einem einfach nichts, das Land.

Vom Ufer her wehte jetzt der Gestank von kokelndem Plastik über das Wasser. Ich wusste schon, dass die Einheimischen die Angewohnheit hatten, ihre Kochfeuer mit Plastiktüten anzuzünden. Nichts brennt sich besser in feuchtes Holz als flüssiges Plastik, klebt wie Pech, brennt wie Zunder. Das Delta kam in Sicht, mit all den Lichtern der Bucht. Gelb und Orange hingen die Lichter über dem Wasser, gelb sah man das letzte Glühen der Sonne hinten am Horizont. Es sah aus, wie wenn man durch eine Flasche Rum oder Whiskey durchschaut. Öltanker, Frachtschiffe und Ausflugsdampfer schwammen als schwarze Silhouetten darin.

Endlich runter vom Kahn. Ich warf dem Indio sein Geld hin und wuchtete meinen Koffer auf die Kaimauer. Glutpunkte in der sich senkenden Dämmerung zeigten mir, wo rauchend wartende Einheimische saßen. Ich ging schnurstracks rüber und machte zwei von ihnen zu meinen Gepäckträgern.

Am Fischereihafen roch es nach Rauch und Feuer und altem Fett. Mein Hotel lag inmitten eines teerig schwarzen Schmierflecks, wie er entsteht, wenn Tausende Füße durch eine einzige Pfütze gegangen sind. Vielleicht war das auch nur mein Eindruck. Ich war müde und gleichzeitig sonderbar erregt. Ich trottete hinter meinen Trägern her. Sie hätten mich abliefern können, wo es ihnen gerade einfiel.

Am Morgen erwachte ich in meinem Hotelzimmer. Ein schlichter Raum, sauber wie ein gekehrter Hinterhof. Von draußen Lärm, Hitze und Geruch wie von faulem Obst. Ich war in meinen Kleidern eingeschlafen. Jetzt klebten sie mir am Leib und hielten mich fest wie eine Fliege im Spinnennetz. Ich fand eine Dusche unten im Hof, aus der ich ein Rinnsal von Wasser mir über die weiße Haut laufen ließ. Das Wasser war warm, fast heiß, aber es nahm den klebrigen Schweißfilm fort. Ich pflückte meine Koffer auseinander. Merkwürdigerweise konnte ich mich kaum erinnern, was ich eingepackt hatte. Ich fand frische Sachen und einen Hut. Außerdem setzte ich eine große dunkle Sonnenbrille auf. So ging ich auf die Straße hinaus. In der Rezeption hielt mich die Wirtin, eine dicke alte Mestizin, am Arm fest und steckte mir einen Brief in meine Hand. Ich knüllte ihn achtlos in die Hosentasche.

Der Fischereihafen Puerto Grande glühte unter den Strahlen der unbarmherzigen Sonne. Kaum war ich draußen, schwirrte mir schon wieder der Kopf. Um mich herum erhob sich ein Geschnatter wie von Enten, Spanisch sprechende Panamesen, ein grauenvolles schmutziges Spanisch, daneben das gutturale, vollkommen unverständliche Quaken der Indios in einer Sprache, die aus den Untiefen der Vergangenheit empor gekrochen schien. Ich fasste mir an den Kragen und riss ihn auf, wobei der oberste Knopf des Hemdes absprang. Wie ein Schlafwandler fand ich mich plötzlich in einer Garküche vor einer Tasse Kaffee, der weiß war vor lauter Milch. Ich bestellte Rum. Mit Eis, mit viel Eis! Man zuckte ahnungslos die Schultern, verstand meinen Wortschwall nicht. Ich spürte eine leise Verzweiflung in mir aufsteigen. Da legte sich eine Hand auf meine Schulter. Neben mir stand plötzlich dieser Mestize: Kleiner als ich aber bullig, verschlagenes Gesicht. Doch er redete mich in fließendem Englisch an, was in diesem Moment eine unsagbare Wohltat für meine Ohren war. Don’t waste your time, Senhor hörte ich ihn sagen, in seinem Ausdruck lag dabei eine tiefe Abfälligkeit seinen eigenen Landsleuten gegenüber. If you please, follow me and let us have a drink together.

Wenig später saß ich mit dem Mestizen in einer klimatisierten Bar und hatte einen Ron con pina y zanahoria vor mir stehen. Ich trank den ersten in einem Zug hinunter und bestellte noch einen. Meine Kraft war wieder da und ich begann zu vermuten, dass Guzman irgendetwas von mir wollte. Wahrscheinlich Geld. Er würde feststellen müssen, dass ich nicht die Art Reisender war, den man mit billigen Tricks abkochen konnte. Misstrauisch beäugte ich ihn unter meiner Sonnenbrille. Wir sprachen nichts, auch er schwieg, trank und rauchte eine lange europäische Zigarette. Ich erinnerte mich an den Grund meiner Reise. Ich sollte die Kanaleinfahrt des Rio D‘ Oro für das Liegenschaftsamt Berlin fotografisch erfassen. Mit einem innerlichen Aufseufzen dachte ich an das ganze schwere Zeug, das im Hotel auf mich wartete.

Die Dämmerung senkte sich schon und immer noch saß ich in der Bar. Doch freundete ich mich ganz allmählich an mit dem grünen Land und dem in der Ferne glitzernden Rio D’ Oro. Ich dachte nach und meinte, die Vergangenheit dieses Kontinents erfühlen zu können. Was waren das für Menschen, die jetzt laut, arm und rotbraun gebrannt durch die heruntergekommenen Gassen der Stadt wanderten? Waren sie nicht einst stolze Leute gewesen, gekleidet in bunte Gewänder von wilder Schönheit, die Federn der einzigartigen Paradiesvögel im Haar? Und was war mit ihnen geschehen? Man hatte sie allesamt überfallen und beinahe aus dem eigenen Land herausgedrängt. Die Wenigen, die übrig waren, die wirklichen Indios, lebten im Abseits, waren die Ärmsten von allen. Und der Rest, die Mestizen, das waren Mischlinge. Schizophrene Seelen ohne Heimat. Und unter ihren Füßen lagen die dicken Brocken des untergegangenen Reiches. Die Sonnenpyramiden, die Planetarien, die Opferaltäre der getöteten Ahnen. Ich gruselte mich wohlig und nahm einen Schluck aus meinem Glas. Ich freute mich über meine wiedergewonnene Scharfsicht. Doch in Guzman hatte ich mich getäuscht. Als es Zeit war zu gehen, wollte er bezahlen, statt sich, wie ich sicher gewesen war, von mir freihalten zu lassen. Erschrocken warf ich mein Geld auf den Tisch und verließ schleunigst das Lokal.

Anderntags stand ich das erste Mal an der Mole bei den Schleusen, neben mir auf dem Dreibein der Fotoapparat. Hinter mir auf einem Handkarren befand sich die ganze Ausrüstung, bewacht von zwei Mestizen mit rostigen fusiles und glänzenden Macheten im Hosenbund. Guzman hatte mir die Helfer vermittelt, ohne die ich sicherlich aufgeschmissen gewesen wäre. Die bitterste Armut herrschte gerade hier, wo ein ums andere Mal die schwer beladenen westlichen Frachtschiffe den Rio D’Oro auf und ab fuhren. Was für Schätze mochten sie an Bord haben, unerreichbar für die armen Teufel an Land? Auch auf mir fühlte ich die hungrigen Augen brennen bei jedem Schritt, den ich in diesem höllischen Lande tat. Sicher hielten sie, einer wie der andere, jede Ausbeulung meiner Hose für eine unglaublich reich gefüllte Geldbörse. Ganz Unrecht hatten sie nicht. In einem Land, wo eine Mahlzeit wenige Pfennige meiner Landeswährung kostete, eine Flasche Rum so viel wie bei uns das Trinkwasser, war ich gewiss gut gestellt.

Digital StillCamera

Die Arbeit war nicht gerade aufregend. Ich drehte die Linse scharf, stellte den Apparat in der gleißenden Sonne ein, schraubte am Polarisationsfilter und drückte den Drahtauslöser. Ein paar Sekunden später schnalzte es im Inneren der Fotokamera und ein Bild war im Kasten. So ging es die Hafenmole entlang und was mir schnell langweilig wurde, versetzte die Einheimischen in Staunen. Bald war eine ganze Traube von braunen Gesichtern um mich und meine Helfer, in respektvollem Abstand begaffte man mein Treiben. Guzman hatte mir mein Verhalten in der Bar nicht übel genommen, ja es schien, als habe gerade die Distanz, die ich ihm gegenüber an den Tag legte, ihn für mich eingenommen. Zwar misstraute ich ihm noch immer, doch seine Ortskunde und sein Wissen als Landesbürger von Panama waren mir eine unentbehrliche Hilfe. Die Sonne dagegen war immer noch ein unbarmherziger Feind für mich. Wie gerne wäre ich ihr entkommen an irgendeinem kühlen Ort. Ich musste mich damit begnügen, mir kalte Getränke zu gönnen, mit Alkohol, alles andere brachte mich so hoffnungslos ins Schwitzen, dass ich vor Schweiß nichts mehr sehen konnte. Ich legte meine Arbeitsstunden für die kommenden Tage auf den Morgen, doch auch dann blieb mir nicht viel Zeit mit Licht und doch ohne Hitze. Ich ließ auf dem örtlichen Postamt nach Berlin kabeln, dass ich für den Auftrag länger brauchen würde als angenommen, weil die örtlichen Gegebenheiten den Auftrag sehr erschweren würden. Auf diese Weise um eine Sorge erleichtert, ging ich in eine Bar mit vielen Ventilatoren an der Decke und bestellte mir, da es noch früh war, eine große Flasche Bier, die ich mit raus auf die Straße nahm. Sofort floss mir das Kondenswasser über die Hände und ich trank die Flasche aus, ehe sie warm würde. Eine Indiofrau kam zu mir mit einem Kind auf dem Arm. Sie hob das Hemd des Kleinen und zeigte auf ein großes weißes Pflaster, das dort auf der braunen Haut klebte. Ich verstand sie nicht, sie streckte bittend die Hand aus. So ist das Leben für diese armen Teufel, dachte ich: Leiden, leiden, leiden und dann – noch mehr leiden. Sie hoffen auf einen gnädigen Tod oder wenigstens doch ein gnädiges Danach. Sie erwarten diese Fairness und wollen nicht daran denken, dass sie auch darum noch betrogen werden könnten. Ich dachte, mein Mitleid hilft ihnen nicht bei ihren Problemen, und wirklich, ich hatte auch keins. Nichtmal meine Dollars helfen ihnen, dachte ich. Ich habe kein Futter für sie. Ich habe keine Medizin für sie. Ich habe keinen Trost für sie. Ich bin für sie also nichts wesentlich anderes, als ein Geist, ein Luftbild. Das vorbeigeht und nichts bedeutet.

Anderntags war Wochenende. Ich hatte beschlossen, die Arbeit am Wochenende ruhen zu lassen, so wie die Einheimischen auch. Diese arbeiteten sonnabends zwar noch bis spät in den Tag, doch dann begann eine große Fiesta in der ganzen Stadt. Wer sich etwas leisten konnte, kaufte eine Flasche Ron Anejo, wer sich weniger leisten konnte, kaufte eine Flasche Agua Diente, den billigen Fusel der Indios, und wer sich gar nichts leisten konnte, der lief umher und hoffte auf einen Schluck hier und dort. Ich begann den Abend im Cafe Noche mit ein paar Ron con Zanahoria und beobachtete die Menge, die auf der Tanzfläche zu lärmenden Salsa-Rhythmen tanzte. In der Nähe der Bambus-Bar sah ich Guzman stehen, den ich in seinem weißen Anzug sofort erkannte. Er machte den Senhoritas den Hof, langbeinigen Milchkaffeeschönheiten mit dunklen Locken und ebenso dunklen Augen. Augen in deren Sog ein Mann zweifellos sein Herz und seinen Geldbeutel verlieren konnte, dachte ich. Ich blieb für mich an einem der runden Tische sitzen und mein einziger Kontakt zum Volk blieb meine gelegentliche Bestellung: Zigaretten, Ron Zanahoria und eine weitere große Schale bläuliches Gletschereis. Ich saß, rauchte und trank. Ich trank gegen die Müdigkeit, gegen die Hitze, gegen die Einsamkeit eines mutterseelenallein reisenden Gringos. Ich trank gegen Durst und Hunger und gegen die merkwürdige Angst, die ich empfand seit ich angekommen war und die mich seitdem nicht mehr loslassen wollte. Ich trank und rauchte in der Hoffnung, dass das Brennen der tausend dunklen Augen in meinem Rücken sich in etwas anderes verwandeln möge. Und ich trank, um mich selbst zu verwandeln. In etwas anderes.

Ich erwachte in meinem Hotelzimmer und starrte trübe an die Decke, wo unermüdlich ein Propeller schwirrte. Draußen brodelte bereits ein weiterer Tag voller Hitze. Da es mir als sinnlose Quälerei erschien, jetzt zu einer weiteren Tour am Kanal aufzubrechen, machte ich mich an die Erfassung meiner bisherigen Fotografien. Ich schob den klapperigen Holztisch ans Fenster, setzte mich auf einen der abgenutzten Sessel, steckte mir eine Zigarette an und breitete die Kontaktabzüge vor mir aus, die ich mir im Labor der örtlichen Universität hatte anfertigen lassen. Die Fotografie war mein Beruf und meine Leidenschaft. Bei einem Auftrag wie diesem, der technische Details protokollieren sollte, erlaubte ich es mir stets, dann und wann ein Bild von anderer Art aufzunehmen. Das konnte eine hübsche Frau sein, ein Gebäude, das mir gefiel oder auch nur ein paar Strahlen der Sonne auf dem Wasser. Ich machte zwei Stapel auf dem Tisch, einen für den Auftrag und einen für mich selbst. Mit einer Lupe studierte ich die winzigen Bilder und stellte zufrieden fest, dass ich keine Fehler gemacht hatte. Ich goss mir einen Drink ein und wandte mich meinem privaten Stapel zu. Eines fesselte mich sofort. Ich hatte auf einem Steg gestanden, um einen Wellenbrecher zu fotografieren. Eine Bewegung, die ich aus dem Augenwinkel sah, hatte mich bewogen, die Kamera herumzureißen und auf gut Glück den Auslöser zu drücken. Jetzt mit der Lupe in der Hand sah ich das Ergebnis: Da waren die Einheimischen, die auf der Mole standen und mit großen Augen zu mir hinstarrten. Doch vor ihnen ging ein Mädchen vorbei, ohne auf mich dort auf dem Steg zu achten. Die Bewegung, in der ich sie gefangen hatte, war nicht unbedingt die vorteilhafteste, und doch war sie, wie ich auf Anhieb sehen konnte, ausgesprochen schön. Etwas an ihr glich der Grazie, mit der eine Schlange durchs Gras gleitet. Als ich mich gerade fragte, wer das Mädchen sein und woher sie kommen mochte, fiel mir auf demselben Bild noch etwas anderes auf: Zwei Männer trugen einen dicken, aufgerollten Teppich. Sie schienen denselben Weg zu nehmen wie das Mädchen und waren schon beinahe aus dem Foto wieder verschwunden. Das Bild war klar und deutlich, selbst das orientalische Muster des Teppichs ließ sich gut erkennen. Und aus einem Ende der Teppichrolle ragten unübersehbar zwei Füße. Sie steckten sogar noch in ihren Schuhen.

Ich legte den Kontaktabzug und die Lupe weg und sah unschlüssig aus dem Fenster. Hinter den in der Hitze flirrenden Hausdächern floss der Rio D‘Oro ruhig und unaufgeregt dahin. Hin und wieder kräuselte sich eine Welle auf dem Fluss.

Blank Zwei. Blank as a Researcher

Blank can see the possibilities: Blank manages to save himself. Or: Blank is not able to save himself, he goes down. Or: Blank doesn’t need to be saved, what from?

Blank is tired and heavy, very heavy. If this were a story, Blank thinks, it would probably be the end. The hero is heavy, so heavy and tired. He has gone to the brink of the last disaster and looks down, sees the Styx flowing in the deep. He is so heavy, that his way back to the top, away from the dark center, where much drags him towards, appears only as an absurdity. Blank rubs his hands, he has gout, he believes, the joints are somewhat resinous, hurt a bit. Blank is broken down inside, like a rotten fish, wrapped in thick layers of clear film – just something nasty: The disgusting Blank artwork. And Blank has not his life anymore, that he needed only to carboncopy to make himself interesting. Blank must take what he has brought to this point. Now we delve into memory, says Blank. We put the dinosaurs of old time together again. And the gaps we fill with frog DNA.

Blank as a researcher.

Blank opens the door with a secret key. Blank listens. A large, quiet room is in front of him. A dark bubble of silence, emptiness and dust. Blank opens the door. Then he is on the top floor of the old castle: the storage. Furniture here, long forgotten. A few times Blank has been here on a mattress and resting. Here burns a single bulb, that flickers and hums softly. Under it, a pool of yellow light, which thins towards the edges, turns orange and is then swallowed by black. Blank sees where it goes from here, above all floors of the school. Kilometers wide, over runs and stairs, everything is somehow connected. The cathedral is very close, Blank can feel it downright, the dark colossus, his rock-heavy presence that permeates cool and age through the walls. Blank closes the door. The keyhole drools milk-white light onto the yellow island where Blank has his base camp. The white of the day, diffusely layed outdoors under a layer of clouds, is to be forgotten for a long while. For Blanks adventure begins now and will not necessarily end outside again. Blank takes off his backpack, which had to be round and unsuspicious, as long as he carried it through the school corridors. Inside is everything he needs for weeks. Blank pulls out the smooth, heavy flashlight, which is very important. One set of batteries separately, although heavy. Food rations, to enjoy cold or heated. Water of course, everything else is water. A bunch of other things do not play a role in weight. But Blank suspects, weight is everything. Will be everything when he is up – who knows where – and must rappel up on the balconies , the kicks, the balustrades, who knows…

The walkway goes over dusty, earth-brown wooden beams. Blank leaves the bulb and its yellow pool of light behind. It burns always, so Blank hopes. As long as there is still a world outside, it burns. But he is not sure, God knows. Either way – after a few cautious steps, darkness kills the light, so that Blank would have to point his flashlight to retrieve the bulb and his camp. The path goes straight and becomes a floating aisle. So that you can not make mistakes anyway, as long as you do not fall off right or left. The darkness beside the path looks kind of toothy and infectious, Blank thinks. If you shine a light, all you see is gray-brown dust, washed out by time, cast off wool of invisible birds, mice droppings and indefinable black lumps, from which protrude teeth and bone fragments. If you do not shine a light, it looks different: alive. As if there flittered small animals and accompanied Blank below and ogle him. Blank, who has now put on his hat with the all-purpose folding ears, that he is only wearing when he is alone, with his sturdy shoes and pants, the lamp in front of him, on his face a serious, expectant expression. One who goes to be sacrificed? A guy going in? A guy going out?

Blank is going straight for a long time. Blank thinks of the outside world and how the building must lie in the whole. Seen from above, floating in the diffuse sky. It can’t be more than three hundred meters, that the ridge of the roof runs in this direction. In here, everything is of course quite different, that also one must accept. And what is a meter? According to math class: 100 centimeters . 1000 millimeters. 1/1000 of a kilometer. Ten decimeters. But in here, in the dark, it’s more complicated , it is just then a meter, when a step, as Blank takes it on average, is half as long, as the entire lower leg of the triangle, which is formed by him, Blank, the floor and the beam of his lamp. In here, much is different from outside, not just the meter. That’s why Blank has this look on his face, because he knows, that he has to guess in here, what he does not know. And that he does not know most of it, Blank is already guessing. That is because the outside world and the one in here should be in a context or indeed must be. But for another reason, this still is not necessarily the case. And even if Blank knows one or another thing about the bright world, which is immersed in best photo light, – this does not mean, that it all works so well in the dark.

It is, what is often forgotten in the praises of Science. That there are places, where it’s all whisked so very together, that details mean nothing, provide no support in the great whirlpool of phenomena. And that there are places, where something as little as a single phenomenon, though describable, extends so far, that from edge to edge of the serene, prosaic science – can pass ocean liners of the illogic and unreason. What does it help? Darkness = absence of light, Blank thinks. But here is to be expected more. Science is like art. A little is nice for the appetite. A little more already makes you arrogant, but it helps not a bit to make ends meet. And most of all, neither art nor science by itself shoots bears, coming at you. To do so would require being so plump and full of science or art, that it is really like a hardened shield before you. But what provides metallurgy, if one has no steel or iron? Even ballistics – if you have no gun. Biology – yes. The bear: squeeze his air, pierce his heart, break his bones. Well, yes, biology is important. But in the end, Blank thinks, there is nothing but yourself. And no – ism help.

Now Blank is at the first intersection. And here is something to decide, because the path parts actually, going to the left and to the right. Blank had been sure, it only went to the right, but as sure as he can see the L- shape of the building from above: Here goes a boardwalk through a dark room, without floor to the right and left. From that deep breathes something like hollow indifference. Blank now seriously wonders, what there is – where he did not think, that something was. As far as he can see, it goes on. Blank from above shines his light into the gaping black and sees quite deep down something like smooth concrete. Or is it water? Blank could throw down something to figure that out, but… he will not do it. Blank must admit, that he has anticipated that something came unexpected, just not so soon. But he thought, that stuff like that happened here among other things. That’s why he keeps only to himself in here. Blank is undecided, the lamp in his hand. He thinks again of the outside world. What time would it be? What is the sky looking like? Has it started to rain? It had been one of those days, when Blank came, one you don’t trust at any time. Blank looks upwards and points his light. He can see the heavy old bricks in the height, behind the wooden beams. Also areas of recent date. Now Blank is listening. Great and elastic falls the silence and perfectly wraps Blank and his lamp. Suddenly Blank freezes into a statue and his mouth opens slowly. He is all ears – listening. So big and profound, there is this acoustic body around him. Endlessly silent. And then yet – very fine, very far, beyond words – quietly and softly, Blank believes to hear it: The soft whisper and noise of rain on the tiles high above him. Now Blanks Flashlight wanders over them in the direction of the unexpected part of the building. Here is just old brick. A fine, gray-green patina seems to grow on them.

Is it not clear, that Blank will go on this way? It breathes over to him: The boardwalk, which stretches here, the wood dark with all the time, in which it has lain, as in acidic vinegar. Blank is once again thinking of outside: What time may it be. What may other people be doing? He went in, early in the afternoon, after classes. Now it may be dawn, suspects Blank. He takes a sip. The water must be rationed for his longest possible stay. Dry wood holds no juice, to siphon off. Nowhere, there is less hope to find water, than in a human-made structure.

Then Blank moves and cautiously enters the first plank. It creaks angrily under his feet as Blanks put his weight on it. But it carries. And then Blank is on his way.

It has to be night outside, Blank thinks hours later. Or maybe the gray morning. In here, eternal dusty-gray night. Dusty yellow lamplight. How many crossings Blank has left behind and decided on a guess? He has deliberately not marked his way. He wanted to be lost. He has challenged his luck. I can not get lost! Blank goes and thinks about how he will sleep when his strength will be fading. The path now leads through low ceiling spaces. Ceiling and floor are barely three meters apart, in between, Blank is walking on the same old wooden beams. Beneath Blank, the floor looks thin and vulnerable, like parchment. What if he steps there? Will it break? Where would he fall? In a classroom? In the dining room? In the gym? Blank suspects, that none of the familiar halls are below. But the road goes on, undeterred and ever. Blank follows it for hours. Before him now, there is a breakthrough, no more than a square hole in a wall. Blank picks up his backpack and climbs through. Now the darkness is suddenly different. Milk light comes from the left and right. Blank opts for right and goes, he has to crawl now. The floor, he realizes, is made of smooth stone.

And then he comes out. Before him, it sticks in the air – and down baseless, handleless. Gothic rising, upward collapsing thorns, black burnished metallic brambles. Wrought-iron floral growth. Blank has found the cathedral. To the sides, rows of stalls. Rows of benches for the devotional community. Deep down Blank sees Styx flowing. Above, Blank sees light diffusers made of gray cast concrete. Colorful, exploding mosaics, casting moonlight over to him. If Blank falls now, he realizes, he will be landing on the altar. The Blank-Sacrifice. One that nobody wanted. And that no god would accept.

(This translation was made with the use of google translate)

 

Blank Zwei. Blank als Forscher

>>>READ THE ENGLISH VERSION HERE<<<

Blank sieht die Möglichkeiten: Blank schafft es, sich zu befreien, sich zu retten. Oder: Blank schafft es nicht, sich zu retten, er geht unter. Oder: Blank muss gar nicht gerettet werden, wovor denn?

Blank ist müde und schwer, sehr schwer. Wenn das eine Geschichte wäre, denkt Blank, wäre es wohl das Ende. Der Held ist schwer, so schwer und müde. Er hat sich an den Rand des letzten Unglücks begeben und sieht hinunter, sieht tief unten die Styx fließen. Er ist so schwer, dass sein Weg nach oben, weg von der dunklen Mitte, wo es ihn so sehr hinzieht, nur als eine Lächerlichkeit erscheint.

Blank reibt sich die Hände, er hat Gicht, glaubt er, die Gelenke sind irgendwie harzig, tun ein bisschen weh. Blank ist kaputt, in sich drin, wie ein verrotteter Fisch, dick eingewickelt in Schichten von Klarsichtfolie, einfach etwas ekliges: Das eklige Blank-Kunstwerk.

Und Blank hat auch das Leben nicht mehr, dass er nur abzupausen brauchte, um sich interessant zu machen. Blank muss nehmen, was er bis hierhin gebracht hat. Jetzt wühlen wir in der Erinnerung, sagt Blank. Wir setzen die Dinosaurier der alten Zeit wieder zusammen. Und die Lücken füllen wir mit Frosch-DNA. 

Blank als Forscher.

Blank öffnet die Tür mit einem geheimen Schlüssel. Blank lauscht. Ein großer, stiller Raum liegt vor ihm. Eine dunkle Blase aus Stille, Leere und Staub. Blank öffnet die Tür. Dann ist er im Dachgeschoss des alten Schlosses: Der Speicher. Möbel stehen hier, längst vergessen. Ein paarmal hat Blank hier auf einer Matratze gelegen und sich ausgeruht. Es brennt eine einzelne gelbe Birne, die flackert und ganz leise summt. Unter ihr ein Teich aus gelbem Licht, das zu den Rändern hin ausdünnt, orange wird und dann geschluckt von Schwarz. Blank sieht, dass es von hier aus weitergeht, über allen Stockwerken der Schule. Kilometerweit, über Läufe und Treppen, alles ist irgendwie verbunden. Das Münster ist ganz in der Nähe, Blank ahnt geradezu den dunklen Koloss, seine steinschwere Präsenz, die kühl und alt durch die Wände dringt. Blank schließt die Tür. Das Schlüsselloch sabbert eine Bahn milchweißes Licht in die gelbe Insel, wo Blank sein Basislager hat. Das Weiß des Tages, der draußen diffus unter einer Schicht von Wolken liegt, wird jetzt eine ganze Weile vergessen werden. Vor Blank liegt das Abenteuer, das jetzt beginnt und nicht unbedingt draußen wieder endet. Blank legt seinen Rucksack ab, der rund und unauffällig sein musste, solange er ihn durch die Schulflure geschleppt hat. Drinnen ist alles, was er braucht für Wochen allein. Blank zieht die glatte, schwere MagLite-Taschenlampe heraus, die sehr wichtig ist. Ein Satz Batterien extra, obwohl schwer. Essen, Rationen, kalt oder warm zu genießen. Wasser natürlich, alles, was an Gewicht noch ging, ist Wasser. Das und noch ein Haufen anderer Sachen, die vom Gewicht her keine Rolle spielen. Aber Blank ahnt, Gewicht ist alles. Wird alles sein, wenn er hängt, sich wer weiß wo abseilen muss, oben auf den Balkonen, den Tritten, den Ballustraden, wer weiß…

Der Weg geht über staubige, erdbraune Holzbalken. Blank lässt die Birne und ihren gelben Teich aus Licht hinter sich zurück. Sie brennt immer, hofft Blank. Solange draußen noch eine Welt ist, brennt sie. Aber er ist sich weißgott nicht sicher. So oder so – nach ein paar vorsichtigen Schritten auf dem neuen Weg ins Dunkle, stirbt das Licht, so dass Blank geradezu wieder hinleuchten muss, um die Glühbirne und sein Lager wiederzufinden. Der Weg geht geradeaus und wird zu einem schwebenden Mittelgang. So dass man ohnehin keine Fehler machen kann, so lange man nicht rechts oder links herunterfällt. Die Dunkelheit neben dem Laufweg sieht irgendwie zahnig und infektiös aus, denkt Blank. Wenn man hinleuchtet, sieht man nichts als graubraunen, von der Zeit gewaschenen Staub, Gewölle unsichtbarer Vögel, Mäusedreck und undefinierbare schwarze Klumpen, aus denen Zähne und Knochensplitter ragen. Wenn man nicht hinleuchtet, sieht es wieder anders aus. Und lebendiger, wie als huschen hier kleine Tiere und begleiten Blank hier unten und beäugen ihn. Blank, der sich jetzt seine Mütze mit den Allzweck-Klappohren aufgesetzt hat, die er nur trägt wenn er allein ist, mit seinen stabilen Schuhen und Hosen, die Lampe vor sich, auf dem Gesicht einen ernsten, abwartenden Ausdruck. Einer, der zu einem Opfer geht? Einer, der hinein geht? Einer, der heraus geht?

Es geht lange nur geradeaus. Blank denkt sich die Außenwelt und wie das Gebäude im Ganzen daliegen muss. Von oben gesehen, schwebend im diffusen Himmel. Mehr als dreihundert Meter können es nicht sein, die der Dachfirst in diese Richtung läuft. Hier drinnen freilich ist alles ganz anders, auch das muss Blank akzeptieren. Und was ist schon ein Meter? Laut Mathe-Unterricht: 100 Zentimeter. 1000 Millimeter. 1/1000 Kilometer. Zehn Dezimeter. Aber hier drinnen im Dunkeln ist es komplizierter, es ist genau dann ein Meter, wenn ein Schritt, den Blank durchschnittlich macht, halb so lang ist, wie der gesamte untere Schenkel des Dreiecks, das er, Blank, der Boden und der Strahl seiner Lampe bilden. Hier drin ist vieles anders als draußen, nicht nur der Meter. Deswegen hat Blank diesen Ausdruck auf dem Gesicht, weil er weiß, dass er hier drinnen ahnen muss, was er nicht weiß. Und dass er das meiste nicht weiß, ahnt Blank bereits. Weil nun einmal die Welt draußen und die hier drinnen zwar in einem Zusammenhang stehen sollten oder müssen, dies aber aus diesem Grunde trotzdem nicht unbedingt der Fall ist. Und wenn Blank das eine oder andere über die helle Welt weiß, die in bestes Fotolicht getaucht ist, heißt das nicht, dass es deswegen auch im Dunkeln klappt. Das ist es, was oft vergessen wird im Lob der Wissenschaften. Dass es Orte gibt, wo sich alles so sehr ineinander verquirlt, dass Einzelheiten nichts bedeuten, nichts bringen, um in dem großen Strudel-Phänomen Halt zu finden. Und dass es Orte gibt, wo so wenig ist, dass sich jedes einzelne Phänomen, zwar beschreibbar, so weit ausdehnt, dass von Rand zu Rand der abgeklärten, trockenen Wissenschaft – Ozeandampfer der Unlogik und Unvernunft durchfahren können. Was hilft es? Dunkelheit = Abwesenheit von Licht, denkt Blank. Aber hier ist mit mehr zu rechnen. Die Wissenschaft ist wie die Kunst. Ein wenig ist nett für den Appetit. Ein wenig mehr macht schon arrogant, hilft aber kein bisschen, um über die Runden zu kommen. Und vor allem schießt weder Kunst noch Wissenschaft von sich aus einen Bären ab, der plötzlich auf dich zurennt. Dazu müsste man so prall und voll sein von Wissenschaft, dass sie geradezu hart wie ein Panzer vor einem steht. Aber was bringt Metallurgie wenn man keinen Stahl hat, kein Eisen? Selbst Ballistik – wenn man kein Gewehr hat. Biologie – ja. Dem Bären die Luft abdrücken, sein Herz durchstoßen, ihm die Knochen brechen. Also gut, ja, Biologie ist wichtig. Aber am Ende, denkt Blank, bist es doch alles du selbst und kein – ismus.

Dann steht Blank an der ersten Kreuzung. Und hier wird sich etwas entscheiden, denn es geht tatsächlich nach links und nach rechts. Blank dachte, es geht nur nach rechts, aber so sicher wie er von oben die L-Form des Gebäudes sieht, geht hier ein Bohlenweg über einen dunklen Raum, ohne Boden rechts und links. Von unten haucht etwas wie abwartende, hohle Indifferenz herauf. Blank fragt sich jetzt wirklich, ernsthaft, was da sein soll, wo er nicht gedacht hätte, dass was ist. So weit er sehen kann, geht es weiter. Blank leuchtet von oben ins schwarze Klaffen und sieht ganz tief unten etwas wie glatten Beton. Oder ist es Wasser? Blank könnte etwas hinunterwerfen, um das herauszufinden, aber… er wird es nicht tun. Blank muss sich eingestehen, dass er damit gerechnet hat, dass etwas Unerwartetes kommt, nur nicht so bald. Aber er hat gedacht, dass es hier mit anderen Dingen zugeht. Deswegen hält er sich nur an sich selbst, hier drin. Blank steht unentschlossen, die Lampe in der Hand. Er denkt noch einmal an die Welt draußen. Wie spät es sein mag? Wie sieht der Himmel aus? Hat es angefangen zu regnen? Es war einer dieser Tage gewesen, als Blank kam, dem man es jederzeit zutraut. Blank sieht nach oben und leuchtet. Er kann in der Höhe hinter den Balken die schweren alten Ziegel sehen. Auch Flächen neueren Datums. Jetzt lauscht Blank. Groß und elastisch fällt die Stille und hüllt Blank und seine Lampe vollkommen ein. Plötzlich gefriert Blank zu einem Standbild und sein Mund geht langsam auf. Er wird ganz Ohr, lauscht. So groß und voll steht hier ein Klangkörper um ihn herum. So endlos still. Und dann doch. Ganz fein, ganz fern, unsagbar leise und sacht glaubt Blank, es zu hören. Das leise Flüstern und Rauschen, mit dem Regen fällt, und auf den Dachziegeln hoch über ihm landet. Jetzt wandert Blanks Lampenschein über sie hinweg, in Richtung des unerwarteten Gebäudeteils. Hier sind nur alte Ziegel. Eine feine, grau-grüne Patina scheint auf ihnen zu wachsen. Ist es nicht klar, dass Blank hier weitergehen wird? Es atmet zu ihm herüber. Der Bohlenweg, der sich hier spannt, das Holz ist dunkel von lauter Zeit, in der es gelegen hat wie in saurem Essig. Noch einmal denkt Blank an draußen: Wie spät es sein mag. Was andere Leute jetzt tun. Er ist am frühen Nachmittag gegangen, nach dem Unterricht. Jetzt mag es allmählich dämmern, vermutet Blank. Er trinkt einen Schluck. Das Wasser muss er sich einteilen und es bemisst seinen längstmöglichen Aufenthalt. Trockenes Holz enthält nun mal keinen Saft, den man abzapfen kann. Nirgendwo gibt es weniger Hoffnung auf Wasser, als in einem menschlichen Bauwerk.

Dann geht Blank und betritt vorsichtig die erste Bohle. Sie knirscht ärgerlich unter seinen Füßen, als Blanks Gewicht sich auf sie stellt. Aber sie trägt. Und dann geht Blank.

Es muss Nacht draußen sein, denkt Blank. Oder vielleicht graut der Morgen. Hier drinnen ewige, staubgraue Nacht. Staubiges gelbes Licht. Wie viele Abzweigungen waren es, die Blank hinter sich gelassen hat? Er hat sie absichtlich nicht markiert. Er wollte verloren gehen. Er hat es herausgefordert. Ich kann nicht verloren gehen! Blank geht und denkt darüber nach, wie er schlafen wird, wenn seine Kräfte nachlassen. Der Weg führt jetzt durch niedrigere Räume. Decke und Boden sind kaum drei Meter auseinander, dazwischen geht Blank auf dem immer gleichen Balkenweg. Unter Blank sieht der Boden dünn aus und verletzbar wie Pergament. Was wäre wenn er dort auftritt? Durchbricht? Wohin würde er stürzen? In ein Klassenzimmer? In den Esssaal? In die Turnhalle? Blank hat den Verdacht, dass keiner der vertrauten Säle unter ihm liegt. Vor ihm liegt ein Durchsteig, nicht mehr als ein quadratisches Loch in einer Wand. Aber der Weg geht unbeirrt weiter und immer weiter, Blank folgt ihm seit Stunden. Blank muss den Rucksack abnehmen und klettert durch. Jetzt ist die Dunkelheit plötzlich anders. Milchlicht kommt von links und rechts. Blank entscheidet sich für rechts und geht, er muss jetzt kriechen. Der Boden, realisiert er, ist aus glattem Stein. Und dann kommt er heraus. Vor ihm ragt es in die Höhe – und nach unten, haltlos, grifflos. Gotisch steigende, aufstürzende Dornen, schwarz brünierte metallische Floralgestrüppe. Tief unten sieht Blank die Styx fließen. Daneben Reihen von Chorgestühl. Reihen von Bänken für die andächtige Gemeinde. Oben sieht Blank Lichtdurchlässe aus grauem Betonguss. Bunte, explodierende Mosaike, die Mondlicht zu ihm herüberstreuen. Wenn Blank jetzt fiele, landete er auf dem Altar, bemerkt er. Das Blank-Opfer. Eins, das Keiner wollte. Und das kein Gott akzeptieren würde.

Blank Eins. Blank als Boss

Blank sieht in die Zukunft. Blank hat eine Stirn wie zwei mal zwei Ziegel. Er hat Oberarme, die dick und weiß sind, und Unterarme, die sehnig und rot sind. Seine Hände haben harte Schwielen. Die Fingernägel sind eingerissen, schmutzig und schwarz. Blank hat insgesamt eine Figur eher wie ein untersetzter Arbeiter, als wie ein Junge. Er strotzt vor Kraft und fühlt sich – nicht ganz zu Unrecht – von der Welt schlecht behandelt. 

Bowl of Life 2013

In seinen kleinen, zurückgesetzten Augen und der Art, in der sie taxieren, huschen und potenzielle Gegner einschätzen, ist gut zu sehen, was der Junge bis jetzt für Erfahrungen gemacht hat.

Blank träumt.

Blank zündet sich mit dem schweren Tischfeuerzeug eine Zigarette an. Er zieht ungeduldig den Rauch in die Lungen. Ihm gegenüber sitzt Frank Walter Hurler, der Anästhesist und sieht aus wie ein Häufchen Elend. Blank als Chef hat noch gar nichts gesagt, was schlimmer ist, als wenn er viel gesagt hätte. Blank raucht und blättert in ein paar Akten. Dann sieht er Hurler an, seine Augen sind kalt und blau.

Wunderschön, denkt Hurler, ist Blank. Er ist nahe daran, sich in die Hose zu machen. Dann sagt Blank: „Vielleicht liegt es Ihnen nicht so gut, wie wir dachten.“

Hurler beeilt sich, zu beschwichtigen: „Herr Blank…“ Blank senkt den Blick wieder auf die Papiere. Was sind das für Papiere? Akten, Notizen, egal, irgendetwas ungeheuer Wichtiges. Allein die huschende Bewegung von Blanks langen Wimpern genügt, um Hurler das Wort zu verbieten. Plötzlich sind die Augen wieder auf Hurler gerichtet.

Nein, Herr Hurler“, sagt Blank, „wissen Sie, wenn es so knirscht…“ Hurler gibt einen Laut von sich, der unterdrückter Schmerz sein kann. „Herr Blank, bitte…“

Nein, Herr Hurler!“ Blank ist nur eine Spur lauter geworden. Aber Hurler ist vernichtet. Er schwitzt und schaut auf seine Schuhe. Er hat sie gekauft, als die Welt noch in Ordnung war.

Wenn – wenn …“ Hurler stottert jetzt. „Wenn ich Ihnen sage…“ Eine Pause.

Ja, Herr Hurler, wenn Sie mir ‘was’ sagen?“

… dass es nie wieder vorkommt…“

Blank lehnt sich in seinem Sessel zurück und bedenkt Hurler mit einem prüfenden Blick. Lange liegt Blanks Blick auf Hurler, der auf den makellosen Parkettboden starrt. Blank raucht und sieht aus dem Fenster, wo die Stadt unter einer dunstigen beige-gelben Nebelglocke liegt.

Ach Hurler… Hurler.“

Der Mann macht einen servilen Ton in seiner Kehle. Blank legt mit einer bedächtigen Bewegung seine Zigarettenspitze zur Seite. Er nimmt einen silbernen Kneifer von der Tischplatte und steht auf. Hurler sitzt und starrt zu Boden. Der Mann stinkt aus allen Poren, denkt Blank. Er würde nicht Scheiße sagen wenn sie ihm aus den Ohren rausquillt. Aus den Ohren… Blank mustert seinen Untergebenen.

Wissen Sie, was ich glaube, Hurler?“

Herr Blank?“

Ich glaube, Sie hören schlecht.“

Herr Blank, bitte…“

Doch, Sie hören schlecht. Sie müssen zum Arzt“, sagt Blank. Hurlers Ohrläppchen sind groß und fleischig. Blank legt die kleine silberne Zange an Hurlers Ohrläppchen. „Hurler, Sie müssen zum Ohrenarzt!“ Blanks Hände werden zu kräftigen kleinen Tieren. Sie haben die Kraft von Rottweiler-Kiefern.

 

 

 

 

 

Solipsismus

Als die Vögel begannen, tot vom glutheißen Himmel zu fallen, die Gartenteiche anfingen zu kochen, der Teer auf den Straßen schmolz und die ersten Menschen starben, geriet auch das Faustus-Projekt ins Stocken. Nicht, dass man in den unterirdischen Anlagen nicht mehr arbeiten konnte. Aber es war wie verflucht. Die pflichtbewusstesten, selbstlosesten Menschen verließ auf merkwürdige Weise der Mut. Reihenweise saßen die Arbeiter vor ihren Bildschirmen und starrten minutenlang auf das Bild eines Schmetterlings oder eines Nachtschattengewächses, während der Cursor auf dem Textfeld darunter geduldig blinkte. Etwa die Hälfte der Weltbevölkerung verfolgte den Start am 6. Oktober 2019 an unerklärlich flimmernden Bildschirmen in dunklen Wohnungen und Kellern bei hochtourig laufenden Klimaanlagen. Die Rakete startete mit etwa zehn Prozent des über 5000 Jahre gesammelten Wissens. Es war versucht worden, das Wichtigste hervorzuheben.

Solipsismus

Am 30.10.2019 ging die Erde dann unter. Die Astronauten der internationalen Raumstation Andromeda beobachteten das Ende von einem der großen Bullaugen aus. Nach dem Verlassen der stabilen Umlaufbahn war nachmittags um 17 Uhr kaum etwas Ungewöhnliches zu beobachten. Doch  nachmittags begann die Erde, sich merklich zu verändern. Von da an dauerte es nur noch etwa dreißig Minuten. Dr. Festini packte seinen Kollegen Dr. Kranz kräftig an der Schulter, als die äußerste Hülle des ehemals blauen Planeten, hell leuchtend wie ein titanischer Lampion, die Sonnenoberfläche berührte. Selbst aus dieser Entfernung konnte die Besatzung der Raumstation deutlich sehen, dass alle Ozeane verdampft waren. Dr. Kranz bemerkte nicht die Hand Festinis, deren Finger sich in seine Schulter gruben. Er dachte an seine Frau in Alaska. Die Atmosphäre war zerstoben wie ein flüchtiger Nebel. Dr. Kranz konnte nicht fassen, was er sah. „Der Schöpfer vernichtet sein Werk“, dachte Kranz, „aber mich vergisst er.“ Kranz fühlte sich beinahe ein bisschen ausgeschlossen.

Dann war Terra, der blaue Planet, nur noch ein ovaler Schlackehaufen, der zäh zwischen gewaltigen Protuberanzen hindurch über die Oberfläche der Sonne rollte. Die große Explosion blieb aus. Die Erde verglühte ziemlich langsam und allmählich auf der Flanke ihrer riesigen Mutter. Die nach einigen Milliarden Jahren sich entschlossen hatte, ihren kleinen Trabanten heranzuziehen und zu verschlingen. Schließlich, wie ein Tropfen auf einer Herdplatte, von einem auf den anderen Moment, war die Erde verschwunden.

Kranz nahm die getönte Spezialbrille von den Augen und blickte in die Runde. Die Gesichter, von den gleißenden Strahlen der Sonne erhellt, weinten. Im weißen Licht sah Kranz deutlich die zuckenden Mundwinkel und die nassen Spuren, die unter den dunklen Brillen hervortraten. Sie lebten noch. Auf drei große Blechdosen verteilt, mitten in der Unendlichkeit des Alls. Das mit einem Schlag von dem freundlichen Gefüge, dem Rahmen der guten alten Zeit, sich entpuppt hatte. Als unermesslicher Raum, angefüllt mit nichts als kosmischen Zufällen.

Die Neue Welt

Die Neue Welt kommt, sie macht Männer zu Idioten, Frauen zu Huren. Kinder zu Mördern. Die Neue Welt kommt, nach der Krise und die Neuen Menschen werden anders sein. Werden sein, was sie essen, was sie tragen, was sie atmen, so wie sie liegen in der Nacht, so wie ihre Freunde sind.

Die Körper werden harte, grobe Muskeln bilden, die edlen Leiber umwuchert sein wie von Würgefeigen. Ihre Hände werden Klauen sein, daran keine Erde, sondern Schmutz der Straße, Flecken von Asphalt und schwarzem Öl. Ihre Haut wird weiß und gelb sein wie Pergament. Dünne schwarze Haare werden sich aus ihren groben, dunklen Poren schlängeln, von ewigem Schweiß auf die Haut geklebt.

Ihre Gesichter werden sein wie Masken. Die Lippen fette, blutrote Schnecken. Kein Freudestrahl traf diese Gesichter, solange sie lebten und in den grauen Tag starrten, nichts erwartend, höchstens Schläge und bitteren Regen, der wie Schmutz auf sie fällt. Kinder der Neuen Welt! Die Zähne gelbe, zerschundene Schaufeln, einer nach dem anderen bricht beim Kauen. Sie fressen synthetische Nahrung der großen Fabriken und der chemischen Werke: Gelbe Lappen von Brot, rosa Lappen von Fleisch, gepresst unter Dampf und Druck. Ihre Bäuche vollgestopft mit Volksnahrung, – und lauter Hass. Auf alles. Auf nichts. Auf die da oben. Auf jeden Hund, der vorüberjagt. Die Neue Welt kommt und die Krise der Poesie. Die Menschen von Morgen werden schreien wie Tiere, – blöken wie Schafe, bellen wie Hunde, brüllen wie Kälber: ‘Gebt uns Brot!‘‚ ‘Gebt uns Fleisch!’ Und vor Allem: ‘Gebt uns das Blut der Schuldigen!‘

Perlen liegen herum, aus der Alten Welt: Gefallen beim Übergang – als die Krise kam und fraß und brannte – aus dem Schneckengehäuse der Zeit. Sie werden eine Weile lang den Schimmer noch behalten, und ein letztes Mal spricht man uns frei. Die Neue Welt aber: wie ein unsichtbarer Film liegt sie schon jetzt über unserem Schicksal.

Das Klima wird wärmer, Regen fällt. Ich sehe Gestalten, geduckt zum Sprung, – ihre Hände sind Pfoten, sie haben Panzer wie Schildkröten. Die Kinder der Neuen Welt! Sie schlagen sich wie wilde Mammute, stechen mit hinterhältigen Klingen. Sie stehlen, was sie wollen. Sie haben Blut unter ihren Fingernägeln. Und ihre Augen, gnädiger Gott! Sie sind versteinert, – zu schwarzen Kieseln. Ich sehe am Grunde des Meeres lauter Schlick. Darin ein Schimmer wie von Perlmutt, der auftaucht und von Ewigkeit spricht. Oh, Glanz und Glorie der Alten Welt!

Gut, dass es die Daimons gibt

Lange haben sie mir im Kopf herum gespukt: die Daimons. Jetzt ist ihre Platte raus: Daimons. Berliner Portraits.

Wie nennt man das, was die Daimons machen? Multikulti-Musik? Ethnopop? Weltoptimierungsmusik?

Ich schlage vor: Gut-dass-es-sowas-gibt-Sound. In Berlin war ich mit den Daimons im Aufnahmestudio, als sie ihre Platte gemacht haben: Sie haben das Ding eingespielt, ich hatte eine Molle in der Hand und habe zugehört…

Das Gebäude in Mitte ist plain as day.

Kein Anarcho-Schick. Kein Underground-Feel. Man geht durch einen Hinterhof, wo ein Mittelklasse-Opel parkt, dann ein paar saubere Treppen hinauf.

Oben viele Kabel, die durch den Raum wuchern und an einer Stelle zusammenlaufen: Ein Tonstudio. Hier arbeitet Florian Keyserlingk. Er schiebt die Regler und sagt Nochmal! oder Gut!

Die Daimons, das sind neun. Eine passable Big Band. Ein Apparatus Musicus. Die Herren sind für die Technik zuständig. Die Damen für die Stimmgewalt. Constantin “Conne” Schöttle rappt. Der Front-Man der Daimons sieht ein bisschen aus wie der Front-Boy von der Zwieback-Werbung.

Aber – Scheiße! Der Typ kann rappen. Die Texte, die er und sein Mädchen schreiben, sind keine Kinderschokolade. Klar, es gibt den Wohlfühlstoff, der auf keiner guten Scheibe fehlen darf: “Reläääa-x, relax!”, zum Chillen und einen coolen easy Tag haben…

Titel wie “Irren”, in dem es gegen die Nazis geht, sind topaktueller politischer Stoff, heiß und brisant. Sound, der ein großes Maul hat. Und eine Message.

Sieht man die Daimons live, ist das vielleicht der Moment, wo einem ein Licht aufgeht: Man sucht, aber man sucht vergeblich nach dem Hampeln und Zappeln, den stilistischen Verrenkungen, mit denen sich aufstrebende Musiker gern hervortun… Die Daimons betreiben kaum Image-Building.

Diese Band ist auf eine geradezu irritierende Weise real.

Es ist wie wenn man in der Wüste steht und nach dem Geräusch sucht, das nicht da ist: Stille.

Denkt man an diese voll-synthetischen, durchdachten Szenegruppen, deren Mitglieder sich crazy verkleiden und  hilflos verspätetes Dada produzieren: Ein Kunst-Projekt sind die Daimons nicht. Sie scheinen frei von Verstellung

Sie schlagen nicht ihre Instrumente kaputt. Sie werfen mit nichts, als mit ihrem Sound. Ich bin perplex, – das Maul steht mir weit offen!

Und das ist Jazzadelic Soul.

Die Daimons sind eine Band von lauter Nackten: Die Masken, neun Stück, so kann man vermuten, hängen während des Konzerts in säuberlicher Reihe hinten in der Garderobe.

Die Daimons kommen auf die Bühne mit einem Klang und einem Feeling. Und ohne Fälschung.

Was bleibt?

Musik.

Die DAIMONS sind:

Stephanie Cuff (Gesang)
Anke Schultner (Background)
Eugenia Tapia (Background)
Constantin Schöttle (Rap)
Chris Reinhardt (Saxophon)
Alexander Grünberg (Schlagzeug)
Nicola Fanari / Josip Duvniak (Keys)
Peter Naderer (Bass)
Mike Budden (Gitarre)

Darjeeling

Colour and appearance of a pot of Darjeeling black tea, that I had cooling on my shelf for a while