Amerika auf deutsch

Ein Aufenthalt in Amerika beginnt, wie der in den meisten anderen Ländern, mit einer ziemlichen langen Taxifahrt, in meinem Fall vom Flughafen bis in die Innenstadt von San Francisco, wenige Blocks entfernt vom Union Square. Die Taxis sind immer auch das erste Erlebnis in einem fremden Land. Während Deutschland ja unter seinen Besuchern immer wieder Erstaunen hervorruft, weil unsere Taxifahrer nahezu ausschließlich Mercedes Benz steuern, fahren sie hier eine Flotte von gelben, merkwürdig rundlich dicken Fords, die sich auf eine aufsehenerregende Weise in jede Kurve neigen, während man auf dem glattgesessenen Plastikleder drinnen hin und her rutscht. Vielleicht denkt man vor allem als Deutscher, der sich als Junge natürlich mit Autos auskannte, auf einer solchen Fahrt immer auch ein bisschen über diese Fahrzeuge nach, die hier aus dem Leim gehen und Geräusche machen, und bei uns eben nicht. Eine tolle Leistung, die würde ich am liebsten für mich beanspruchen. Draußen rauschen die ersten Bauten der Vorstadt vorbei, ein paar Schwarze, Gangster-style gekleidet, aber wirklich noch nichts besonderes, und ich denke an Spaltmaße, Verwindungssteifigkeit, TÜV …

Das Hotel ist nett, man will ja auch nicht viel davon. Es gibt continental breakfast, das heißt unten am Treppenaufgang bei der Rezeption steht ein riesiger Topf Kaffee und daneben liegen auf einer Platte süße Stückchen und werden immer wieder aufgefüllt. Daran muss man sich nicht unbedingt gewöhnen. Es ist wie vieles in Amerika. Man kennt es so nicht, aber allzu fern liegt es einem auch nicht. Man denkt manchmal: Ja klar, die Idee könnte von mir sein, wenn ich anders erzogen wäre, Kuchen zum Frühstück. Ein Elektrorollgefährt, auf dessen Sessel man durch die Stadt und die Supermärkte fahren kann, Streichkäse aus einer Sprühdose. Solche Schrulligkeiten gehen vielleicht gerade jungen Deutschen, die den Krieg nicht erlebt haben und nur diese typisch deutsche Nachkriegs-Hunger-Einstellung gepredigt bekamen, ziemlich glatt runter. Unsere Eltern behaupten, sie kannten keine Schokolade, und ich kannte keine poppy seed muffins, so groß wie Backsteine. (Ein Steak, das ich später auf dieser Reise essen werde, ist noch wesentlich größer: mammoth cut aber das ist ja meine Entscheidung. Und Fleisch keine amerikanische Erfindung). Es fällt mir jedenfalls nicht schwer, mich daran zu gewöhnen, und das kann man eigentlich über den ganzen amerikanischen Kontinent und seinen way of life sagen. Es ist ein bisschen wie den Größeren (sagen wir mal) Schwager zu besuchen, der es dicke hat, und auch ein bisschen dick ist, und gewisse Eigenarten hat. Man denkt sich: Das würde mir auch nicht anders gehen, wenn ich an seiner Stelle wäre. Die Ureinwohner von hier haben ein gefälliges Sprichwort, das auch nicht wenige weiße Amerikaner sich an den Kühlschrank hängen. In etwa: „Urteile nicht über einen, bevor du eine Meile in seinen Mokassins gegangen bist.“ Das könnte auch ein weißer Amerikaner selbst so gesagt haben, vor allem hier an der Westküste, wo man den Nutzen von cozy Hausmokassins ja durchaus kennt. Ob es so gemeint war, oder nicht, ich denke, wer über einen Amerikaner urteilen will, sollte zuerst dessen kuschelige Mokassins anziehen und damit eine Runde durch dessen Haus drehen, was durchaus schnell eine Meile ergeben kann, bis man schließlich am Pool draußen steht mit Aussicht über die steilen Hügel, vielleicht bis runter nach Alcatraz. Dann denkt er vielleicht: Yeah, those indians sure know how to live. Und man erkennt: Es steckt in jedem von uns ein Amerikaner.

Die Amerikaner rauchen draußen, wir ja jetzt auch. Zuerst bin ich darüber gar nicht glücklich. Ich habe dieses Lokal mit Billard direkt neben meinem Hotel entdeckt, sitze an der Bar und kriege ein Papst vor mich hingestellt. Apfelsaft? Nein, da unten sprudelt es ein bisschen: Apfelschorle? Nein…,- Aber wir wollen nicht darauf herumreiten, es ist ja ein alter Hut. Ein Papst, das ist halt Bier ohne Schaum. Was der Deutsche davon hält, haben sicherlich schon Legionen meiner Landsleute dem Ami unter die Nase gerieben, und es kostet dafür auch nur zwei Dollar. Trotzdem denke ich an den Papst, den ich mal in einem Freiburger Verbindungshaus gesehen habe, ein Becken mit zwei Haltegriffen links und rechts…

Was soll’s ich trinke, lasse meine Zigaretten stecken und sehe zu den jungen Leuten drüben beim Billard rüber. So amerikanisch sehen sie gar nicht aus, schon allein weil der Eine etwas mestizisches an sich hat, und ein Mädchen eindeutig Asiatin ist. Aber man hat ja gehört, das San Francisco nicht im eigentlichen Sinne amerikanisch sein soll. Die Amerikaner sagen das selbst. Und sie rauchen eben jetzt draußen, weshalb ich mein Glas an der Theke lasse und mich auf eine Kippe zu der Gruppe draußen geselle. Do you have a light? frage ich, indem ich mein eigenes Feuerzeug stecken lasse, aber was könnte einfacher sein? Sure … Where are you from? Und schon sind wir mitten im Gespräch. Ich erzähle von den riesigen Bierkrügen in München und den Lederhosen, und erfahre dass es für das Billard eine Liste gibt und winner stays the table. Es wird eine lustige Nacht mit viel Billard und vielen Gesprächen im Sinne von where are you from. Man unterhält sich am leichtesten über die Eigenarten der jeweiligen Vaterländer, ein solches Gespräch stockt eigentlich nie: You know, you can get Marihuana on prescription in S.F.!? You know, on the Oktoberfest, they pee in their beersteins!?

Wir landen gegen Morgen noch bei ihnen auf eine Flasche Wein, ein Mitbewohner wird extra geweckt. Sie sind alle ambitionierte junge Studenten mit Tendenzen zum bohèmigen Künstlertum. Genauso könnte ich sie in Berlin treffen, denke ich, und ich merke: Eine Amerika-Reise in San Francisco zu beginnen, hat etwas von einem Wartezimmer, bevor man in das richtige Amerika eingelassen wird. San Francisco ist ein lauwarmer Pool, denke ich, das kalte Wasser kommt vielleicht hinter der Stadtgrenze.

Natürlich sehe ich mir Alcatraz an und die Seehunde an der Fishermans Wharf, natürlich fahre ich mit einer Cable Car, besuche Nob Hill, versuche, die Straße am Fairmont Hotel so zu fotografieren, dass sie richtig steil aussieht, sehe diese rötlich braun gepflasterte und gewundene Straße aus dem Fernsehen, besuche das Wells Fargo Museum, den Financial District usw. Und natürlich gehe ich über die Golden Gate Bridge. Hier spricht mich Einer an, der anders aussieht, als die Jungen aus der Bar, älter, verlebter, unglücklicher. Er erzählt mir, sein Auto sei liegen geblieben, no gas… stupid accident, und ob ich ihm netterweise mit zwanzig oder dreißig Dollar aushelfen könnte. Ich überlege kurz und sage, nein, lieber nicht. Ok then, go fuck yorself! sagt er richtig ärgerlich.

Ich bleibe eine Weile verdattert stehen. Die Golden Gate liegt in dichten weißen Wolken und man merkt nicht, wie sehr einen trotzdem die Sonne verbrennt. Am nächsten Tag werde ich einen fiesen Sonnenbrand haben. War das jetzt ein echter Amerikaner, einer der in seinen Mokassins jeden Tag auf dem harten Asphalt der GG herumlaufen muss und versucht, irgendwie über die Runden zu kommen? Er war wie aus dem Fernsehen mit seinem wütenden fuck you. So wie man denkt, dass ein Schauspieler einen wütenden, armen Amerikaner spielen würde. Vielleicht während einer Tour durch die Universal Studios, bevor das Wasser den Berg runtergeschossen kommt. Und doch wird mir klar, das man bei einer Amerika-Reise eins einfach nicht unberücksichtigt lassen kann: Amerika ist wie aus dem Fernsehen. Der Spielfilm ist oft so real wie die Leute, die hier leben. Und die Leute sind so real wie Schauspieler. Manchmal verschwimmt die Grenze.

Als ich viel später mein Riesensteak esse, das war in Wyoming, ganz in der Nähe von Jackson Hole, habe ich Country Potatoes dazu bestellt, die eine ganze Weile lang nicht an meinem Tisch ankommen. Die Kellnerin ist auf fraternization natürlich trainiert. You will have your fries soon …sagt sie. Ich, kauend, winke beschwichtigend mit der Gabel. Das Lokal ist dunkel, ein Elch steht herum, viel frisch geschwärztes Holz, braune Gardinen, Blockhaus-Atmosphäre.

Da beugt sie sich ein Stück herab und sagt verschwörerisch zu mir: Meanwhile you have your eyes on (sie macht eine effektvolle Pause) something better! Gemeint ist das Steak, das riesige. Ich bin beeindruckt und frage mich, ob das persönlicher Einsatz ist, oder Drill, oder tatsächlich echt. So authentisch wie Amerikaner eben sind? Ich denke an die „Servicewüste Deutschland“: Kellner, die ihre schlechte Laune nicht verbergen. Sollten Sie?

America, The Movie und dabei war ich noch gar nicht in Las Vegas. Ich esse das Riesensteak ganz auf, es ist super, da hat sie schon recht.

Man kommt nicht daran vorbei, man muss Amerika immer und an fast jeder Stelle mit sich selbst vergleichen. Mit Amerikas zweiter Existenz in einer Million Filme, die ich alle gesehen habe. Nichtmal die Wüste bleibt frei davon, erst recht nicht die langen, geraden Straßen des mittleren Westens. Nicht die Küste des Big Sur, nicht der unfassbare Reichtum des Medienmilliardärs William Hearst, für dessen Anwesen in den kalifornischen Hügeln man sich, wie ein Ami witzelt, extra eine Krawatte anziehen muss. Man sieht sie dort sitzen, sonderbare Gestalten aus einer ganz sonderbaren Vergangenheit, die aber real gewesen sein soll, auch wenn sie aussieht wie Hollywood selbst, eine unerhörte Zusammenstellung unerhört teurer Sachen aus Renaissance, Barock, Antike, Klassik, Rokoko und Bauhaus. Eine Form von Geschichte, die vieles exemplarisch für Amerika zu erklären scheint. Nichts wünscht sich Amerika mehr, als seinen Standpunkt zu kennen. Aber der Ami bezeichnet sich selbst, in seinen Filmen, als ein großes, starkes Kind, das, so vermutet man, in den Arm genommen werden möchte. Ein gutes Herz hat der Amerikaner. Und Mut und Gerechtigkeitssinn billigt er sich zu, aber irgendwie scheint ihm auch etwas zu fehlen. Where are you from? Ist es das?

Sie rauchten damals während des Essens, erklärt man mir. Sie hatten Zigaretten auf dem Tisch stehen und hielten es für gesund. Sie hatten Tiger, Bären und Löwen in Gehegen rund um das Anwesen. Sie badeten wie Nymphen in den azurblauen Pools, umstanden und beschützt von wachsamen Gottheiten aus weißem Marmor. Sie schliefen in Betten aus schwerem, englischen Eichenholz in iberischen Fincas. Sie lagen in Dampfbädern mit römischen Mosaiken an den Wänden. Sie spielten Tennis auf einem der dem Anwesen zugehörigen Plätze. Sie frühstückten in den Weinbergen hinter dem Haus an eleganten französischen Cafétischchen. Viel gekaufte Geschichte, denke ich. Vielleicht braucht ein Mensch aber seine eigene Vergangenheit. Um was draus machen zu können. Aller Reichtum nutzt nichts, wenn man keine eigene Zeit hat. Wie herausgefallen steht all der teure Plunder hier in Kalifornien herum, zusammengestoppelt aus den Zeitengebäuden des alten Europa. Man sagt, dass keiner der jungen Hearsts sich gerne hier aufhielt. Where are you from? denke ich. Wie war es wohl für die, die damals her kamen, und auf dem gekauften Land den Neuanfang machten? Auf einem Boden, der dich nicht kennt. Der bis vor zweihundert Jahren noch keinen menschlichen Fußtritt gefühlt hatte?

Wer sich beim Essen ganz an der Fußseite der langen Tafel wiederfand, für den war es an der Zeit, seinen Hut zu nehmen und nach hause zu fahren. Wer aber bleiben sollte, der ging nach dem Essen ins Kino, etwa eine Meile entfernt in einem anderen Raum, verbunden und bequem zu erreichen über roten Samt, besonders schonend für die weichen Mokassins, und sah sich die neuesten Filme an.

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