Mexico auf deutsch

Wenn die Schatten der grauen Riesen in unserem Rücken länger werden, auf den Sand und aufs Wasser fallen, kann man eine futuristische Endzeitstimmung genießen. Kurios vermischt mit einer Ahnung von Geschichte. Trotzig braust das Meer gegen die Vulkanfelsen im Wasser. Graue Gischtfetzen spritzen in die Luft und fangen dort ein paar letzte Lichtstrahlen auf. Hinter sich vermutet man eine leere, zubetonierte Welt.

No soy gringo, soy alemán, das kann man einstudieren und dann so glatt und geübt rüberbringen, wie man will. Eines wird schnell klar: Es fragt nur selten einer überhaupt danach. Gringo sind wir Alle.

In Cancún hat es geregnet, während ich noch im Flieger saß. Jetzt steht die Luft feucht und heiß über den schmierigen Bordsteinen und überall sind trübe Pfützen. Was Regen auf Reisen bewirken kann, habe ich schon aus Indien gehört: Knöcheltiefen Schlamm auf den Straßen mit umherschwimmenden Fäkalien. Hier sorgt er nur für einen Schleimfilm auf der Haut und einen würzigen, angenehm fremdartigen Geruch in den dunklen Gassen, durch die ich gehe.

Am morgen erwache ich mit der aufgehenden Sonne, zu erahnen hinter dem vergitterten Fenster des dormitorio. Mir wird erst allmählich klar, was mich geweckt hat: Ein Geheul und Gewinsel von draußen, ein Mensch, vielleicht betrunken. Es klingt als liegt er vor dem Fenster in der Gosse. Als ich dann richtig wach bin, ist nichts mehr zu hören. Man macht sich hier sein Frühstück, indem man, it’s inclusive, eine Pfannkuchenmischung zusammenrührt und in der verbeulten Blechpfanne zubereitet. Dazu kann man dünnen Kaffee trinken. Ich bin nicht nach Mexico gekommen, um vor irgendwem davonzulaufen, und wenn es so wäre, hätte ich mich ziemlich dämlich angestellt. Die Welt ist klein, und wird noch kleiner durch die Erfindung eines Buches namens Lonely Planet. Auf diesem Buch steht in großen, freundlichen Buchstaben: „Mexico“ und es ist sowas wie der Hitchhikers Guide to the Galaxy. Jeder hat ihn, und alles steht drin, und was nicht drinsteht, bedarf keiner Erwähnung. Ich weiß von einem Freund, der in Deutschland zurück geblieben ist, dass zwei Kumpels von ihm da sind. Ich sollte ihnen doch mal schreiben, sagte er, nette Leute. Das habe ich getan, über Facebook, aber wir sind ohnehin im selben Hostel abgestiegen: Crowded Planet. Unter diesen Umständen kann man eigentlich nur gemeinsam weiter reisen, zumindest, so sagen wir, „eine Weile lang“.

Cancún, weiß ich, ist die Hochburg der Amerikaner zur Zeit des spring break. Ich habe nichts dagegen, mich darauf ein bisschen einzulassen, bevor ich mir das eigentliche Mexiko ansehe. Aber an den weißen Stränden von Las Perlas und Chetumal ist nicht wie erwartet der Teufel los. Die dosenbiersaufenden, wildgewordenen, halbnackten Highschoolkids jedenfalls sind hier nicht versammelt, soll mir auch recht sein. Das blaue Wasser und der weiße Sand sehen vielversprechend aus und wer erwartet schon Natur? Die riesigen, im Bau befindlichen Betonwaben der neuen Ressorts sind bis an die Strandlinie heran gerückt und geben der Szenerie vor allem am Abend eine konsequent urbane Techno-Stimmung. Na und? An den Strand gebaut haben auch schon die alten Maya und die haben sich vielleicht genauso relaxed, im Rahmen ihrer damaligen Mittel, dort getummelt. Nur nicht immer so gegenwartsfeindlich. Der Mensch klammert sich eben an den Planeten, so gut er kann, und mit schwerem Beton geht es meistens am Besten.

Die Sonne am Strand von Las Perlas geht jetzt eben ca. eine Stunde früher unter, weil der Horizont hier um etwa zehn Stockwerke höher geworden ist. Wenn die Schatten der grauen Riesen in unserem Rücken länger werden, auf den Sand und aufs Wasser fallen, kann man eine futuristische Endzeitstimmung genießen. Kurios vermischt mit einer Ahnung von Geschichte. Trotzig braust das Meer gegen die Vulkanfelsen im Wasser. Graue Gischtfetzen spritzen in die Luft und fangen dort ein paar letzte Lichtstrahlen auf. Hinter sich vermutet man eine leere, zubetonierte Welt.

Wir reisen weiter, nach Tulúm: Immer noch Strand. Welcome to paradise sagt ein Schwarzer mit Rastalocken als wir mit unseren großen Rucksäcken den Strand entlang gehen, und in der Tat, es sieht aus wie auf einer Postkarte. Palmen, weißer Sand, Blaues Meer. Kokosnüsse, die keiner von uns aufmachen kann. Die erste Nacht verbringen wir in einer klammen Cabanha in einer Hüttensiedlung, die schon bessere Tage gesehen und mehr Besucher gehabt hat. Der Betreiber sitzt die ganze Nacht hindurch auf seinem Stuhl im Rauch des Mückenfeuers und wacht, weil erst am Ende unseres Aufenthalts bezahlt wird. Wir sitzen eine Weile bei ihm und sehen zu den Sternen hoch. Cuantos estrellas hay? frage ich ihn. Er weiß es aber auch nicht.

Knapp oberhalb des endlosen Sandstrandes auf die Felsen dort haben die alten fleißigen Maya eine Ruine gebaut, die man schonmal gesehen haben muss. Man gerät auf dem Weg in einen Touristenstrom aus den umliegenden Hotelanlagen, der einen zunächst in die Ruinenstadt, durch sie hindurch und schließlich wieder hinaus trägt. Zwischenstation auf einer Aussichtsplattform, von wo aus man auch hinunter zum Baden kann. Inmitten des Gewirrs vieler verschiedener Stimmen, des Klickens und Zwitscherns der Kameras und Camcorder, gedrängt zwischen Leibern, die eindeutig der Jetzt-Zeit entstammen, kommt nur ganz kurz diese DustInTheWind-Stimmung auf, angesichts eines großen Volkes, das eines Tages allem Anschein nach einfach verschwunden ist und seine Tempel dem Urwald und uns Epigonen überlassen hat.

Diese und viele andere Ruinen, die noch kommen werden, kann man für den Moment zusammenfassen: Es ist wahnsinnig heiß und trocken. Es laufen dicke Leguane herum. Man kann nicht mehr auf die Ruinen hinauf, weil ein Amerikaner kürzlich runtergefallen ist. In Palenque, wo auch Max Frisch schon das Hemd am Leib geklebt hat, gibt es Brüllaffen und ein Plastikimitat eines berühmten Mayafreskos. Zwei Kinder bearbeiten mich so lange, bis ich für zwölf Dollar einen bunten Lederlappen kaufe, der das Plastik-Fresko abbildet. Ein Amerikaner, der sich uns für eine Weile angeschlossen hat, brüstet sich damit, einen Dieb mit Steinen bombardiert und eine Horde wilder Affen allein durch Körperspannung in die Flucht geschlagen zu haben. Usw.

Wir kaufen eine Flasche fuseligen weißen Tequila und wollen am Abend was los machen. An der Bar des Altavista finden wir eine Gruppe fröhlicher mexikanischer Musikanten. Zusammen bilden wir eine Runde für den kulturellen Austausch. Miguel erzählt mir von Frau und Kind und von scharfer Soße und dass er nicht unbedingt glücklich ist mit seiner Esposa, seiner Frau. Er mag El Chapulin Colorado, aber ich verstehe bis zuletzt nicht, wer oder was das sein soll, so oft er mir auch einen Geigenspieler vormacht und mit den Händen auf seinem Kopf sowas wie Fühler-Antennen. Ich erkläre ihm beliebige Zusammenhänge in Deutschland, politische Sachen, gesellschaftliche Sachen, in radebrechtem Spanisch. Zum besseren Verständnis mache ich ihm sorgsame Aufzeichnungen, die ich am nächsten Tag im Abfall finde. Ich bin deswegen etwas angefressen. Heute weiß ich: El Chapulin Colorado ist ein komischer Held in allen südlichen Amerikas. Er trägt einen knallroten Overall mit Fühlern auf dem Kopf und auf der Brust ein rotes CH auf gelbem Grund.

In einer Hängematte kann kein Mensch schlafen.

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