Nie ging es mir besser…

Einst war auch ich warm und geborgen. Stumm. Aufgehoben in Unmündigkeit. Und heute noch kämpfe ich, es sein zu dürfen. Scheue ich vor jedem, der mir Sprache einflößen will und der auf mich einredet. In der Tiefe des Raums lag ich einst in nachtschwarzer Dunkelheit. Kein Ermessen außer unbestimmtem Fühlen. Nach allen Seiten mochten Kilometer oder Zentimeter Platz sein, ich wusste es nicht. Nicht zu sagen, ob ich tief unter der Erde oder hoch über ihr wäre. Und es herauszufinden kein Interesse. Ich war zufrieden.

Ich blickte von Anfang mit Bedauern auf die ständig wachsende Klarheit in meinem Leben. Sie sickerte durch, selbst noch, als ich schon dagegen ankämpfte. Wie schmutzige Luft. Wie ein unangenehmer Geruch drang Wahrheit durch die Wände meines Kokons. Wahrheit ist etwas gutes, wie das Messer für den Metzger sein anvertrautes Werkzeug, also etwas gutes ist, dachte ich. Für das Schlachtvieh auf dem Block aber ist ein Messer nichts Gutes. Höchstens etwas Akzeptables, wenn man es nicht ständig vor der Nase hat. Irgendwie ahnte ich, dass mit Wahrheit, reiner Wahrheit um ihrer selbst willen, niemandem so recht geholfen sein dürfte. Die Wahrheit ist so kalt und ungut, wie das Universum weit draussen. Zu sagen, “gebt mir immer mehr Wahrheit” hieße doch, dachte ich, den eigenen Tod zu wünschen. Nur immer kälter wurde es dadurch. In meinem Raum, um mich herum.

Dabei ist frieren wenigstens endlich. Einen Stillstand müsste es hier ja geben. Angeblich bei minus 272 Grad. Erträglichkeit, so scheint es, dachte ich, hat ihren Preis und muss immer mit mit einer gewissen Menge ihres direkten Gegenteils bezahlt werden: Unerträglichkeit. Somit ist jede Minute, in Bewusstsein verbracht, das kostbarste Gut und gleichzeitig unsagbar gefährlich und zweischneidig. Eine Hypothek des Schreckens. Ein Pakt mit dem Satan. Und eigentlich eben nicht für wilde, quietschlebendige Säue gedacht.

Aber niemand kann sich aussuchen, was er ist. Was er ist, das ist jedem eingebrannt. Es gibt nichts Unnachgiebigeres als Ribonukleinsäure. Und somit gibt es keinen Alptraum, der erst noch ausgedacht werden müsste. Jede Nacht und jeder Morgen bringt das tiefste Grauen. Ist erst eine gewisse Dosis an Wahrheit, kalter grimmiger Wahrheit eingesickert, eingedrungen wie radioaktive Strahlung, so steht einem jeden Menschen das Schlimmste bevor: Angst und Schmerz. Ausweglos.

Alleinsein ist eine dieser Prüfungen, eine, der keiner entkommt. Wimmeln, sich verstecken unter so vielen Anderen, das macht paradoxerweise die Einsamkeit deutlich. Ich hatte es versucht, wollte durchgehen als einer von vielen. Hätte man mich gelassen, ich wäre als Geheimnisträger, vielleicht als der Erste überhaupt, bis zum Schluß stumm geblieben. Es muss doch möglich sein, sich wegzuducken, dachte ich. Es gibt doch eigentlich zu viele, als dass jemand den Überblick behalten könnte. Aber man zog mich raus und irgendwie schafften sie es sogar, dass ich Luft in meine Lungen sog und atmete.

Wie schön war es bei meinen schwerelosen Freunden in der Tiefe. Ich war nie ein oberflächlicher Mistkerl. “Für wen halten die sich da oben?” dachte ich. “Wer will mir vorschreiben, ob ich zu schweigen, den Mund zu halten habe, oder ob ich zu sprechen habe, zu plappern wie ein Äffchen? Wer will mich zwingen, zu quaken wie die Enten-Sprecher George Orwells, mich am vibrierenden, nimmerendenden Geschwätz zu beteiligen?”

Mir ging es eigentlich nie besser, als in diesen Untiefen.


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